Aus Pellwormer Familienchroniken und Stamm- und Ahnentafeln

Aus Pellwormer Familienchroniken und Stamm- und Ahnentafeln

von Hermann Petersen
(aus Nordfriesisches Jahrbuch, 1972)

Die Flutkatastrophe vom 3. zum 4. Februar 1825 war für die Pellwormer das erschütterndste Ereignis des vorigen Jahrhunderts. Anschaulich haben uns darüber der begüterte Mühlenbesitzer und Erste Ratmann von 1810-1847 Boy Novock Friedrichsen sowie Friedrich Knudt Tedsen be-richtet; Julius Peterssen geht ebenfalls darauf ein: „Als 1825 am 3. Fe-bruar die Sturmflut kam, da konnte mein Großvater Matthias Peterssen schon den Deichbruch konstatieren, ohne etwas gesehen zu haben als im Sielzug steigendes, von West nach Ost drängendes Wasser. Noch in dersel-ben Unglücksnacht ließ er durch einen der Knechte einen Eimer Wasser heraufholen, schmeckte das Salzwasser und erklärte daraufhin mit Recht den Seinen: es müsse ein Deichbruch geschehen sein. Sofort sind dann Sicherheitsmaßregeln ergriffen worden, um durch einen improvisierten Notdeich die große Süßwasserkuhle im Osten des Hofes zu sichern. Es ge-lang auch, zumal in der Nähe der Hofstelle die Überschwemmung nur teilweise war, denn die Mittelrücken der Äcker ragten Trocken aus der Flut empor. In den Kögen sah es allerdings umso schlimmer aus, hier ging das Wasser über die Heckpforten hinweg.“

Weiteres aus der Hälfte des vorigen Jahrhunderts: „Mein Großvater Matthias Peterssen stand als Ratmann Boy Novock Friedrichsen, dieser markanten Persönlichkeit, nahe. Die beiden hatten in Husumer Bekann-tenkreisen den Spottnamen die beiden Apostel‘. Dies mochte einerseits herkommen von ihrer Stellung in den insularen Verhältnissen, anderer-seits war der Name äußerlich veranlaßt durch das feierliche Aussehen der beiden alten Herren, die auch darin ihre konservative Gesinnung offenbarten, daß sie zu einer Zeit, wo lang in den Nacken wallendes Haar und Kniehosen mit weißen Strümpfen, Schuhen mit großen Silberschnal-len längst außer Mode gekommen waren, dennoch festhielten an der alten Tracht bis zum Ende ihres.Leberis.“ Anders der im gleichen Alter stehende Martin Andresen: „Schon früh vertauschte er, der neuen Mode gemäß, die zu Stulpenstiefeln getragenen Manchesterhosen mit der langen Hose und kurzen Haartracht.“

Wie wohnte damals ein wohlhabender Pellwormer Bauer und Ratmann? „Das Wohnhaus von Großvater Matthias Peterssen war ein langgestreck–ter, schmaler Bau, über dem Eingang inmitten der Front befand sich der übliche Turragiebel. Wenn man zur Hau3tür hereintrat, so kam man zu-nächst- in eine große, halbdunkle Halle mit altersgebräuntem Gebälk. Der Haustür vis-a-vis lag die alte, längst nicht mehr gebrauchte Feuerstelle, aufgemauert in der Art der alten holländischen Kamine mit breit vor-springender Wölbung. Links vom Eingang lagen zwei größere Zimmer, von denen das nach Westen belegene äußerste Zimmer der sogenannte Pesel war, zu dem man aus dem Vorderzimmer hinunterstieg auf meh-reren Stufen. In beiden Zimmern waren die Wände bis zur Hälfte holzgetäfelt, es fehlte nicht der alte eiserne Einlegerof en mit den biblischen Geschichtsbildern als Relief und den blanken Messingknäufen, ferner die Alkoven oder sogenannten Wandbettstellen, sauber geschnitzt an Tür und Gesims. Rechts und links vom Ofen standen die beiden großen Lehnstühle in Eiche gearbeitet mit vorzüglichem Schnitzwerk. Rücken und Sitz waren überzogen mit gepreßtem, braunem Utrechter Samt. Über die Lehne legte sich ein geschnitzter Eschenzweig. Es fehlte schließlich auch nicht die alt-holländische Wanduhr. Da gab es außerdem Schränke und an zwei Seiten des Zimmers sich entlangziehende Wandbänke mit entsprechenden Tischen davor. Aus dem Pesel ging es durch einen dunklen Gang wieder aufwärts nach der Kammer in der Nordwestecke des Wohnhauses. Von da aus kam man durch eine schmale Speisekammer in die große, geräumige Küche, die mit drei Fenstern nach Norden lag. Aus der Küche führte wieder eine Tür in die Vorhalle. Nördlich von der Halle befand sidh die Mägdekam-mer. Rechts vom Haupteingang lag der große Saal, vier Fenster in der Längsseite nach Süden und drei Fenster in der Breitseite nach Osten, ein respektabler Raum, der, abgesehen von familiären Festlichkeiten, auch benutzt wurde wegen seiner Größenverhältnisse zur Abhaltung des Dings und der übrigen Ratsversammlungen. Auch hier waren die Wände in ‚/3 Höhe getäfelt und der Rest mit Delfter Kacheln ausgelegt. Es war eine gewiß kostbare, aber auch recht haltbare Wandbekleidung. n diesem Raum fehlten die bekannten friesischen Alkoven mit ihrem Schnitzwerk. Er war lediglich Festsaal. Nach Osten gelegen, schloß sich ihm ein schma-les Schlafzimmer an, von dem man durch einen schmalen und dunklen Gang kam, der geradeaus zur Vorhalle führte und rechts ab nach Norden in den Seitenflügel einmündete. Dieser nach Norden sich lang erstreckende Seitenflügel enthielt den großen Vieh- und Pferdestall. Im Stalle selbst war ein Schlafraum für die Knechte. Von der Vorhalle des Wohnhauses führte die breite, aber wegen ihrer Steilheit recht unbequeme Treppe zum Kornboden hinauf. Die Treppe selbst war verdeckt.

Freiliegend, ostwärts vom Hauptgebäude lag die , Scheune, dgl. die Schmiede, die ebenfalls zum Hof gehörte. Wenn mein Vater, Ratmann Andreas J. Peterssen, früher wohl mit einem gewissen Stolz zu erzählen pflegte, daß er in dieser Schmiede gelernt‘ habe, beim alten Hufschmied Eisennägel zu schmieden, so soll dies Kunststück nicht angezweifelt werden, wenn es vielleicht auch mehr eine jugendliche Kraftprobe bedeutete an Hammer und Amboß als Kunstwerk.

Das Haus von Matthias Peterssen war somit ein geräumiges und wohn-liches Haus. Es hat noch gestanden ‚bis Anfang der 70er Jahre dieses [des 19.] Jahrhunderts. Zuletzt ist viel daran herumgeflickt worden, bis schließ-lich mein Schwager, Harmann Tedsen, das ganze Wohnhaus einreißen mußte und stattdessen einen schönen Neubau aufführen ließ.“ Die Pellwormer trugen keine Trachten wie die Frauen auf den Halligen und den nördlichen Geestinseln. Wenn wir uns die alten Fotoalben an-schauen, die wir als Anlage zu den Chroniken betrachten wollen, so dür-fen wir mit Recht sagen, daß das Äußere der Bekleidung durchaus an-spricht. Es sind Aufnahmen aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhun-derts, einige kurz nach 1860 aufgenommen. Die Ehefrauen stehen oder sitzen neben ihren Männern. Wir -bewundern noch heute ihre Kleider aus schwerer Atlasseide mit einem weißen Kragen, mit Stickereien an den Ärmeln und einem breiten Gürtel. Etliche Unterröcke weiten und stützen den Rock, an dessen Saum des öfteren ein Volant läuft. Mit einer goldenen Brosche oder Kette, einer goldenen Uhrkette am Gürtel schmücken sie sich. Auf dem Kopf tragen sie Kompotthütchen‘, die durch Spitzen verziert sind, die auf den Nacken herabfallen. Bei anderen Frauen finden wir die taillierte, lang geschnittene, über den weit gekräuselten Rock fallende Bluse; sie hat als Abschluß einen Volant, von denen wir im unteren Rock-teil, der bis an die Knöchel reichte, mehrere stufenartig zwischen Samt-spitzen angebracht finden. Die Männer tragen an Festtagen den Gehrock, die Weste ist bis zum Hals zugeknöpft, nur in der oberen Hälfte ein wenig geöffnet, so daß das weiße Leinen hervorscheint. Auf der Weste liegt die goldene Uhrkette, häufig mit einem Medaillon. Ein gepflegter Kranz- oder Backenbart und Schnurrbart gehören dazu. Wir wissen, daß sie nicht eine solche Fülle von Kleidungsstücken hatten wie wir heute, aber sie kauften gute Ware, die jahrzehntelang, ja ein ganzes Leben hielt. Im Jahre 1835 betrug die Einwohnerzahl der Insel 1753 (Verzeichnis der am 1. 2. 1835 vorhandenen Volkszahl der Landschaft Pellworm; Memorial Prot. Dd. 5 (le), S. 220-266). Im großen und ganzen lebten auf der Insel die Familien, die auch heute anzutreffen sind; darunter finden wir auch einige ungewöhnliche Namen: Einmal Ecklundt (in der Harrsen-Stamm-tafel) und Simmelundt, deren Vorfahren aus Schweden eingewandert sind, und zum andern Liermann; aus dieser Familie stammt Heinrich Liermann, der als Halligpostbote weit über Pellworm bekannt, ist und zahlreiche Leute übers Watt vom Schütting nach Süderoog geführt hat. Es fehlen aber auch noch Familien, die wir dann später in den Chroniken genannt finden: Both aus der Seestermühler Marsch, Evers aus Eckernförde, Marcus Herr-mann aus Bredstedt, Jebsen aus dem nördlichen Nordfriesland, Kölln aus Elmshorn und die beiden Kapitäne Selmer und Wilstermann. Vergessen wollen wir nicht aus der Zeit um die Jahrhundertwende den ersten Fischer Wilhelm Balzukat, einen Ostpreußen (und das war schon etwas Besonderes). Karl Hansen erzählt in der Pellworrner Chronik mit viel Humor von den Anfängen in diesem Gewerbe. Andererseits sind auch die männlichen Linien von zwei seinerzeit führenden Männern, Boy Novock Friedrichsen und Martin Andresen, heute ausgetorben. Als der Letzt-genannte 1870 starb, schrieb (vermutlich) der sehr befähigte Kaufmann Johann M. Lorenzen, der ihm in den letzten Jahren der Amtstätigkeit eine tüchtige Bürohilfe war, folgenden Nachruf
„Von dem Wester-Ohrstedter Deichgrafen Martin Andresen. Am 15. 1. starb im Kirchspiel Tönning der vormalige Deichgraf von Pellworm, Martin Andresen. Bei seinem Tode können wir nicht unterlassen, die Ver-dienste dieses im 83. Lebensjahre dahingeschiedenen Greises hervor-zuheben. Er war in seinen jungen Jahr sehr tätig beim Deichbau auf der Insel Pellworm. Seine Erfahrung verwandte er erfolgreich bei der Über-schwemmung, die im Februar 1825 die Insel betraf. Andresen war die rechte Hand des verdienten Deichinspektors Petersen und hat die schlim-rnen Jahre auf Pellworrn mitgemacht, in denen das Land wertlos War und niemand es, der schweren Deichlasten wegen, haben wollte. Doch Andresen war mutig. Er faßte zuerst an, und da ihm das Land gegeben wurde, arbeitete er sich bei Fleiß und Sparsamkeit die schweren Jahre hindurch. Viele folgten bald seinem Beispiel. Er erlebte die Freude, seinen Sohn Detlef Andresen als Deichkommissar zu sehen, doch ein früher Tod rief diesen aus seiner Laufbahn. In seinem Alter verkaufte Martin An-dresen seine Hofstelle auf Pellworin und kaufte einen Hof in Eiderstedt. Auf den Westinseln lebt das Andenken an den wackeren Deichgrafen Andresen in dankbarer Erinnerung fort.“

Es gab derzeit fast nur kinderreiche Familien. Groß war die Sterblichkeit der Kinder; so heißt es oft in den Büchern: „gleich nach der Nottaufe gestorben“ oder „im Graben ertrunken“. Die Frauen erreichten meistens nicht das Alter der Männer. Welcher Schmerz liegt in einer Wendung wie: „Mit ihrem geborenen Kind zusammen beerdigt.“ Groß waren die Ge-fahren durch Epidemien und andere ansteckenden Krankheiten. Die Ärzte um 1835 kannten noch nicht das Serum, das Behring gegen die Diphtherie erfand, noch unbekannt waren die Lehren des Wiener Arztes Semmel-weis, des Retters der Mütter‘, man, wußte noch nichts vom Rhesusfaktor. Die Lebenserwartung lag 1835 in Deutschland um 35 Jahre – 1970 um 70 Jahre; 1835 lag die Säuglingssterblichkeit bei 25 Prozent- heute rech-nen wir mit 2 Prozent. Es kam häufig vor, daß der Mann mehrfach heira-tete; ich bringe ein Beispiel aus meiner Familie. Mein Großvater Andreas Jacob Peterssen war dreimal verheiratet:

a) in erster Ehe mit Margarete, geb. Andresen, Tochtef des genannten Martin Andresen; 6 Kinder, davon zwei als Kleinkinder, zwei als Jugendliche gestorben.

b) in zweiter Ehe mit Johanna, geb. Melfsen, Witwe des genannten Detlef -4 Andresen auf Seegarden (mit sieben Kindern im Alter von 1 bis 15 Jah-ren); 1 Kind, mit drei Jahren gestorben

c) in dritter Ehe mit Christine A., geh. Backsen, Tochter des Landes-gevollmächtigten Hinrich Harro B.; 3 Kinder.

Diese „Halbgeschwister“ haben sich gut verstanden. Ein besonders herz-liches Verhältnis bestand zu Dora Andresen (vgl. 2. Ehe). Ich sehe noch ihre sauber geschriebenen, lebhaft erzählten Briefe. Unverheiratet schlug sie sich vor 1900 als Direktrice eines Hamburger Weißwarengeschäfts gut durchs Leben und bekannte offen ihre demokratische Einstellung.

Bisher haben wir noch nichts über die Schulen vernommen; darüber berichtet uns Herman Jüngst: „Seine Schulausbildung hat der Großvater Martin Andresen um 1800 in der Dorfschule Wester-Ohrstedt und auf Pellworm erhalten, er erzählte von dem Lehrer, daß er ein altes Unikum gewesen sei: En lüttje krumme Schnieder mit sin Zippelmütz, der beim Unterricht gesponnen hatte; das Surren des Spinnrades habe manchmal angehalten werden müssen, um der energischen Anwendung des Lineals Platz zu machen. Rechnen hätte er den Schülern beigebracht, aber DE~lItSch unddeutsche Geschichte dürften zu kurz gekommen sein. Was der Groß- vater in Deutsch, Deutschkunde und Schreiben gekonnt habe, dürfte er der Bibel, dem Gesangbuch und dem pastoralen Unterricht, nicht zuletzt dem späteren Selbststudium aus Büchern und den Akten seiner Landschaft in der Deichkommune, dem Umgang mit dem Landschreiber, den Deich-inspektoren und anderen gebildeten Menschen verdankt haben. In Schrift-sachen an Behörden bediente sich der Großvater, als Deichgra’f späterhin unter Selbstfertigung der Gerichtsentwürfe, stets eines im Deutschen besser ausgebildeten Schulgehilfen.“ Weil Martin Andresen wußte, was eine gute Schulbildung wert war, schickte er seinen Sohn Detlev auf die Bauschule in Kiel, einen zweiten auf die Lateinschule in Husum und an-schließend auf die technische Schule in Hamburg; andere Kinder wurden nach Föhr gebracht, und vorübergehend hielt er einen Hauslehrer. Uns ist ebenfalls bekannt, daß Friedrich Knudt Tedsen und’seine spätere Frau schon vor 1800 Husumer Schulen besuchten.

Es gab derzeit auf Pellworm sieben einklassige Schulstellen: Alte Kirche, Schütting, Waldhusen, Nordermitteldeich, Tammensiel, Westertilli und Neue Kirche. „War die Schülerzahl zu groß für einen Lehrer, so mußte er einen Hilfslehrer anstellen, den er selbst zu beköstigen und zu entlohnen ~hatte. Die Hilfslehrer waren in der Regel junge Leute, die von den ordent-lichen Lehrern theoretisch und praktisch auf den Lehrerberuf vorbereitet wurden und bekamen selbstverständlich nicht viel. Mitunter mußten auch „,die größeren Schüler einspringen und den Kleinen an Hand der früher gebräuchlichen Tabellen das Lesen beibringen.“ (Bernhard J. Harrsen im Pellwormer Gemeindeblatt 1935/5.) Vergessen bei den meisten sind die L h er aus dieser Zeit Friedrich Gudemann und Simon August Meier, die noch als Autodidakten an der Alten Kirche unterrichteten und deren Nachkommen mit mir zur Schule gegangen sind.

Nur wenig können wir unseren Unterlagen über die politischen Span-nungen in der Zeit von 1800-1864 entnehmen. Die jungen Leute dienten beim Militär, so Martin Andresen als Infanterist in Kopenhagen, wo er als Unteroffizier entlassen wurde. Nach 1825 brauchten die deichpflichtigen Grundbesitzer nicht Soldat zu werden. Bernhard J. Harrsen schreibt 1934 zur damaligen wirtschaftlichen Lage im Dethlefsen- Stammbaum: „Die Zeit vor 100 Jahren war doch sicher viel, viel trostloser als heute. Zwei Drittel der Bauernhöfe gerieten in Konkurs. Die Ländereien waren so gut ‚wie wertlos. Das Gut Seegarden wurde 1829 im Konkursverfahren verkauft für 300 Mark Kourant.“ – Ich habe den Eindruck, daß man die Beamten vori auswärts nicht ablehnte. So schenkte der Landschreiber 0. F. von Linstow Andreas J. Petersen anläßlich seiner Versetzung ein apartes silbernes Rahm-Service – „Zum Andenken“ ist darin eingraviert – über das wir uns heute noch freuen.

VI „Mit der preußischen Annektion von 1867 verlor die Insel ihre alte kom-munale Selbständigkeit auf Grund des Nordstrander Landrechts und wurde eine einfache preußische Landgemeinde mit etlichen Sonderrechten, die mit der neuen preußischen Landgemeindeordnung von 1892 ebenfalls hin-fällig wurden. Sie transit gloria mundi! So endete die eigenartige Ver-fassung. Im September 1867 hob das Staatsgesetz das alte Dinggericht der sieben Ratmänner auf. Man fragt sich unwillkürlich, wie sich eine solche uralte Form völliger Selbstverwaltung solange hat halten können mit den weitgehenden Vorrechten auch in Kirchen- und Schulangelegenheiten der Insel. Erklärlich wird es vielleicht durch die abgeschlossene insulare Lage. Außerdem hat sich die dänische Regierung in der bestehenden Selbstverwaltung der Kommunen stets konservativer gestellt allerlei Son-derrechten gegenüber als z. B. die preußische Verwaltungspraxis, die mit Vorliebe auch auf dem Gebiet uniformiert.“ So schrieb Julius Peterssen kurz vor 1900; sicherlich mögen auch andere so gedacht haben. Vergleichen wir dagegen auch eine jüngere Stellungnahme, wenn auch auf die Ver-hältnisse in Eiderstedt bezogen; Manfred Jessen-Klingenberg im „Nord-friesischen Jahrbuch 1965“, S. 52: „Eine neue Zeit begann, in der auch die Eiderstedter Selbstverwaltung, die nur von einer dünnen Schicht von Grundbesitzern getragen wurde, einer neuen Ordnung Platz machen mußte. Es wäre denen, die dem preußischen Staat vorwerfen, er habe „die Fähigkeit zur selbstverant-wortlichen Ordnung der staatlichen Angelegenheit“ verkümmern lassen, und die nur „mit tiefer Trauer“ auf das Verlorene zurückblicken, vieles entgegenzuhalten. Hier sei nur gefragt, ob die Alteiderstedter Selbstver-waltung bei einer Fortdauer des Gesamtstaates oder nach Errichtung eines Eiderstaates erhalten geblieben wäre. Die Vorgänge um die Jahreswende 1863/64 geben eher eine negative Antwort.“ Der Kieler Historiker schreibt zum selben Thema an anderer Stelle (Monatshefte „Schleswig-Holstein“, Oktober 1967, S. 257 ff.): „Die Formen der Verwaltung und Rechtsprechung waren 1867 vielenorts reformbedürftig. Schließlich mußte die Selbstver-waltung, wo es überhaupt eine solche gab, liberalisiert- werden, so daß breitere Bevölkerungskreise Anteil an ihr hatten, wenn sie den geistigen, politischen und sozialen Bedingungen der neuen Zeit‘ angepaßt sein und damit funktionsfähig sein sollte.“ – Das wird vor 100 Jahren auch für die Pellwormer Verhältnisse zutreffen. Und vor diesem Hintergrund sei noch einiges aus meinen Familienalben von Pellwormern aus dem vorigen Jahr-hundert erzählt.

Wir finden das Bild des Kammerrats Muhl, geb. in Bergenhusen. Aus der Pellwormer Chronik wissen wir, daß er als Detlev Andresens Nach-folger 1853 seinen Posten als Deichkommissar auf Pellworm antrat, in diesem Amt seine ganze Kraft einsetzte und für das Deichwesen Großes geleistet hat. Er erwarb die Warf mit dem Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Deichgrafen Martin Andresen, also des Vaters seines Vorgängers Detlev Andresen. Als Junge stand ich dann und wann vor seinem Denkmal auf dem Friedhof der Neuen Kirche, einer gebr6chenen Säule. Von meinem Vater, der mir viel und gern von alten Zeiten erzählte, wußte ich, daß damit angedeutet werden sollte, er sei im besten Mannesalter aus dem Leben gerissen worden.

Der Dichter Detlev von Lilieneron, der als kommissarischer Hardesvogt vom März 1882 bis September 1883 auf Pellworm tätig war und im Hause Muhls wohnte, schlug während dieser kurzen Zeit keine Wurzeln. Als Hardesvogt hatte er richterliche und Verwaltungsaufgaben, hatte auf jeden Fall die Interessen der Obrigkeit wahrzunehmen. Hermann Jüngst schreibt von ihm: „Er soll wenig Interesse für sein Amt gezeigt haben. Bei seiner künstlerischen Veranlagung war ihm der Bürodienst verhaßt. Er soll zu Johann M. Lorenzen, der 29 Jahre Landschaftssekretär war, gesagt haben: „Machen Sie das Geschäftliche, ich verstehe davon nichts.“ Der Pellwor-mer Teepunsch mag ihm lieber gewesen sein.“ In der Lucht-Chronik findet sich eine Notiz,’daß Friedrich Martensen, der inzwischen Muhls‘ Haus -das heutige Liliencronhaus – besaß, eng mit ihm befreundet war.

Zum Pellworm der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gehörte der langjährige Organist. und Lehrer der Neuen Kirche von 1860-99 Ernst F. Peters, der seine letzten Ruhejahre dort verbrachte, wo sich einst die Landvogtei befand. Es ist dies durchaus kein Einzelfall, daß ein Lehrer bis zu seiner Pensionierung und darüber hinaus sein Leben lang auf Pell-worm verblieb. Von seinen 15 Kindern heirateten drei Töchter auf Pell-worm. Sein Schwiegersohn Detlev Mäckelmann war über vier Jahrzehnte an der Norderschule tätig und brachte es trotz seines kleinen Gehalts fer-tig, seine vier Söhne von der Insel aus als Lehrer ausbilden zu lassen. Der andere Schwiegersohn Hans H. Börensen, Lehrer und Organist an der Alten Kirche, schenkte uns 1908 die erste Pellwormer Chronik, und sein Enkel Boy Novock Clausen, der letzte aus Peters‘ Geschlecht auf Pellworm,. ist der Besitzer seines väterlichen Hofes.

In meinem Familienalbum finde ich ebenfalls das Bild des Landschafts-arztes von 1907-27, Dr. Otto Spangenberg. Er wuchs als Lehrersohn in Kassel mit fünf Geschwistern auf, die es alle im Leben zu etwas brachten. Wohl nur wenigen hat er davon erzählt, daß er erst nach dem theolo-gischen Staatsexamen das Medizin-Studium. begonnen hatte, was ihm eine Schwester ermöglichte. Ich sehe ihn noch, wie er bei jedem Wind und Wet-ter über die Insel radelte, um seine Patienten aufzusuchen. Zu Fuß ging es los bei stärkstem Sturm und in stockfinsterer Nacht. Dazu kamen die Besuche auf den Halligen Hooge und Süderoog. Er kannte zwei Dezennien lang keinen Urlaub; selten verließ er Pellworm für ein oder zwei Tage, um an Ärztetagungen teilzunehmen. Als Nachbarskind und Spielkamerad seines mir gleichaltrigen einzigen Sohnes Otto lernte ich das Doktorhaus kennen, stand vor seiner ausgewählten, großen Bibliothek und durfte am musikalischen Leben der Familie teilhaben. Die „Frau Doktor“ war Lei-terin des Vaterländischen Frauenvereins, maßgebend bei den Wohltätig-keitsveranstaltungen und Kirchenkonzerten. Es war für die Insel schon etwas Ungewöhliches, daß der elfjährige Otto vor dem Ersten Weltkrieg durch eine Pariser Erzieherin französischen Hausunterricht erhielt. Nach-dem Spangenberg die Insel verlassen hatte, starb er bald in Kassel, seine Frau kurz vor Ende des letzten Krieges in Königsberg; sein Sohn Otto fiel im Osten. Nur ein einziger Enkel, Jürgen Spangenberg, lebt in der DDR.

Die Einverleibung Schleswig-Holsteins durch Preußen 1866 brachte die allgemeine Wehrpflicht mit sich. Hermann Tedsen nahm am Krieg 1870/71, Peter Lucht aus dem Johann-Heimreichs-Koog, der im Seebatail-Ion in Wilhelmshaven diente, an den Auseinandersetzungen um 1900 in China teil. Viele junge Pellwormer verbrachten zwei bis drei Jahre als Soldat in preußischen Garnisonen, einige bei den Garderegimentern in Berlin, so mein Vater Hermann M. Peterssen und Hans Petersen-Oster-siel bei den „Maikäfern“. Viele Aufnahmen in Uniform in den alten Alben deuten darauf hin, daß sie nicht ungern beim Militär dienten; sie kehrten zum großen Teil mit der Überzeugung vom Wert der militärischen Er-ziehung zurück. Doch viel Leid brachten die beiden Weltkriege- Es fielen im ersten 64, im zweiten lag die Zahl höher – dazu etwa 30 Vermißte. Selbst eine Pelwormerin verlor noch 1945 mit ihrem 16jährig en Sohn das Leben bei einem Bombenangriff auf Neumünster.

Wenden wir uns nach diesen deprimierenden Ereignissen wieder den Schulen Pellworms zu. Vor 100 Jahren gab es drei zweiklassige Schulen – bei der Neuen Kirche, dem Norden und dem Siel – sowie zwei ein-klassige – bei der Alten Kirche und dem Schütting. Es unterrichteten durchweg seminaristisch ausgebildete Lehrkräfte. Der größte Teil der Kinder durchlief überfüllte Volksschulen. „Lehrer Sibbert am Schütting wußte z. B. -davon zu erzählen, daß er zeitweise 93 Kinder in der Schule hatte.“ (Nach Bernhard J. Harrsen im Pelw. Gemeindeblatt 1935/7.) Wenn wir uns in den Chroniken die Personen ansehen, die sie besuchten, ist es erstaunlich, was sie mit dem Fundament anfingen, wie sie sich später weiterbildeten; das gilt für diejenigen, die auf der Insel später eine füh-rende Stellung einnahmen, und ebenso für die, die sich auf dem Festland eine Existenz aufbauten.

Es gab wohl auch früh weitblickende Eltern, die für eine bessere Schul-bildung ihrer Kinder sorgten, allerdings war das eine finanzielle Angele-genheit; man kannte weder Schulgeld- noch Lernmittelfreiheit. Hermann Tedsen besuchte das Gymnasiüm in Rendsburg, auf dem seine beiden Urenkel hundert Jahre später das Abitur ablegten. Anton Tedsen dachte nicht nur an seine Söhne; seine beiden jüngsten Töchter schickte er auf die Husumer Töchterschule. Andere Jungen von der Insel besuchten in Husum das Hermann-Tast-Gymnasium, das von 1870-89 mit einem Real-zweig verbunden war. Julius Peterssen mag wohl der erste Pellwormer Abiturient der nach 1865 erneuerten Gelehrtenschule gewesen sein, Er-freulicherweise nahmen ihn kinderlose, finanziell gut gestellte Verwandte in der Schiffbrücke zu sich, und er verbrachte die Ferien mit ungewisser Verbindung nach Hause bei seinem Onkel im Bloomenkoog bei Fahretoft / Waygard. Anschließend studierte er Theologie an den Universitäten Leip-zig, Erlangen und Berlin. Der Student wechselte damals gern, um bedeu-tende Professoren und die Welt kennenzulernen. Interessant ist für mich seine Anstellungsurkunde als Propst in Bad Segeberg 1907; ein Zitat: „Wir berufen ihn dergestalt und also, daß Seiner Königlichen Majestät von Preußen der Hauptpastor und rirchenpropst Julius M. Peterssen unter-tänig, treu und hold und gewärtig sein, der Kirche und des Vaterlandes Bestes aus allen Kräften befördern, Schaden und Nachteil aber verhüten soll…“

Der Besuch von höheren Schulen nahm langsam zu, nicht nur der Gymnasien, auch der Oberre~Ischule und nach 1922 der Aufbauschule in Niebüll; langsam stieg damit die Zahl der Akademiker von der Insel. Ferner ließ sich eine Reihe von jungen Leuten als Volksschullehrer ausbil-den; der bis 1Ü5 mögliche Weg über die Präparande und das Lehrerse-minar war verhältnismäßig kurz und nicht so kostspielig. Daneben lief für die Bauernsöhne der Besuch von Landwirtschaftsschulen – als erster machte wohl Bernhard J. klarrsen an der ältesten unseres Landesteils in Kappeln davon Gebrauch – sowie von Bau- und Ingenieurschulen vor allem für junge Leute aus dem Handwerk, Einige wenige Eltern dachten an eine auswärtige berufliche Ausbildung für ihre Töchter; vor 1914 schickten sie sie auf das Lehrerinnenserninar, später auch auf die Handels-und Haushaltsschule und zur Vertiefung der Allgemeinbildung auf die Volkshochschule.

Bevor wir weitergehen, werfen wir noch einen Blick auf die Levsen- Stammtafel. Es ist auffällig, daß um 1900 junge Leute beiderlei Geschlechts sich so häufig christlich-sozialen Berufen zuwandten: als Schwester, Wochenpflegerin, Diakonisse, Missionsschwester der Liebenzeller Mission, Lehrerin am Frauengefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel, Prediger, Sekretär am Barmbecker Krankenhaus und Generalsekretär des CVJM. Offensichtlich spüren wir hier einen Einfluß von der Bewegung der In-neren Mission. Überhaupt bedeutete die Kirche im vorigen Jahrhundert und bis 1914 viel. mehr auf der Insel als heute. Hermann Jüngst bezeichnet Martin Andresen als einen „gottesfürchtigen Mann“. Julius Peterssen setzt seiner Familienehronik den Spruch aus Josua 24,15 voran: „Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“ Bernhard J. Harrsen gehörte als Abgeordneter zur verfassungsgebenden Landessynode. War es doch auch so, daß jeden Sonntag mindestens einer der Hausgemeinschaft am Gottes-dienst teilnahm, daß man gern jeden andern Sonntag zur Kirche ging. Die Abendmahlsfeier mit der vorangehenden Beichte nahm man ernst.

Die acht Dezennien, die wir an uns vorüberziehen ließen, werden im zunehmenden Maße von der Technik beherrscht, auch Pellworm blieb da-von nicht unberührt. Während das Festland bis 1865 nur mit Segelschiffen zu erreichen war, trat dann ein Raddampfer an deren Stelle, 1902 ein Dop-pelschraubendampfer und 1930 ein Motorschiff. Das Flugzeug überholte 1929 zum erstenmal zwischen Pellworm und Nordstrand die romantische, doch nicht ungefährliche Eisbootbeförderung, die ich noch im Januar 1924 unter Johann Nommensens Führung erlebt habe. Statt der bei nassem Wetter tiefgrundigen Kleiwege gab es um die Jahrhundertwende neue Chausseen. Der 1906 erbaute Leuchtturm hat manchem Seemann in stür-mischer Nacht geholfen. 1939 konnten 240 ha im neugewonnenen Buphe-werkoog besiedelt werden. Drei Jahre, später erreichte elektrischer Strom durch ein Seekabel von Nordstrand die Insel; vorbei war die Zeit der Petro-leumlampe. Es ist erfreulich, daß die Pellwormer in den Tagen des wirt-schaftlichen Aufstiegs ihre alten Baudenkmäler nicht vergaßen. Man reno-vierte, 1913/14 Chorraum und Apsis der Alten Kirche und 1939/40 das Altarblatt der Neuen Kirche, das nun wieder in den uralten liturgischen Farben Gold, Rot und Blau leuchtet; hierzu gehört auch, daß nach dem letzten Krieg die Arp-Schnitker-Orgel der Alten Kirche wieder ihren schönen Klang erhalten hat. Das Pastorat der Neuen Kirche wurde restau-riert und als Anton-Heimreich-Haus auch für kulturelle Aufgaben zur Verfügung gestellt.

Die acht Dezennien, die wir an uns vorüberziehen ließen, werden im zunehmenden Maße von der Technik beherrscht, auch Pellworm blieb da-von nicht unberührt. Während das Festland bis 1865 nur mit Segelschiffen zu erreichen war, trat dann ein Raddampfer an deren Stelle, 1902 ein Dop-pelschraubendampfer und 1930 ein Motorschiff. Das Flugzeug überholte 1929 zum erstenmal zwischen Pellworm und Nordstrand die romantische, doch nicht ungefährliche Eisbootbeförderung, die ich noch im Januar 1924 unter Johann Nommensens Führung erlebt habe. Statt der bei nassem Wetter tiefgrundigen Kleiwege gab es um die Jahrhundertwende neue Chausseen. Der 1906 erbaute Leuchtturm hat manchem Seemann in stür-mischer Nacht geholfen. 1939 konnten 240 ha im neugewonnenen Buphe-werkoog besiedelt werden. Drei Jahre, später erreichte elektrischer Strom durch ein Seekabel von Nordstrand die Insel; vorbei war die Zeit der Petro-leumlampe. Es ist erfreulich, daß die Pellwormer in den Tagen des wirt-schaftlichen Aufstiegs ihre alten Baudenkmäler nicht vergaßen. Man reno-vierte, 1913/14 Chorraum und Apsis der Alten Kirche und 1939/40 das Altarblatt der Neuen Kirche, das nun wieder in den uralten liturgischen Farben Gold, Rot und Blau leuchtet; hierzu gehört auch, daß nach dem letzten Krieg die Arp-Schnitker-Orgel der Alten Kirche wieder ihren schönen Klang erhalten hat. Das Pastorat der Neuen Kirche wurde restau-riert und als Anton-Heimreich-Haus auch für kulturelle Aufgaben zur Verfügung gestellt.
Zur stärksten Änderung mag die eingerichtete Fährverbindung zwi-schen Pellworm und Strucklahnungshörn auf Nordstrand beigetragen haben, die mehrmals täglich hüben und drüben verbindet, und von Nordstrand können die Passagiere auf dem Landweg sofort weiter nach Husum fahren. Hierdurch und durch die einwandfreie Wasserversorgung hat sich auch von Jahr zu Jahr der Fremdenverkehr gesteigert.
Manches Gute ist aber auch verschwunden oder schwindet immer mehr, wie etwa der Sinn für die Geschichte. Wir wollen die Vergangenheit nicht verherrlichen und kennen das Wort: „Geschlechter kommen, Geschlechter gehen.“ Es lebten auch früher Menschen „mit Schuld und Fehle“. Trotz allem schlägt unser Herz für sie. Vergessen sollten wir nicht die Frauen und Männer, die sich um die Insel und ihre Familien Verdienste erwarben oder die einfach in der Stille Tag für Tag ihre Arbeit verrichteten. Sie verpflichten uns, geben uns Impulse und mahnen uns, das Erbe, das wir in uns tragen, zu erhalten und zu mehren: jeden in seinem Bereich, an seinem Ort.

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