Die wüsten Warften auf Pellworm

Die wüsten Warften auf Pellworm
von Rosemarie Krämer, Wangerland

Die Siedlungsgeschichte Pellworms ist in erster Linie eine Geschichte ihrer Warften. Im Gegensatz zu denen in festländischen Marschgebieten, behielten die Warften auf Pellworm ihre außerordentliche Bedeutung bis ins 19. Jahrhundert bei. Ursache hier für war der Zustand der durch Sturmfluten immer wieder zerstörten Deiche, der sich bis zu diesem Zeitpunkt trotz strengster Bemühungen der Inselbewohner immer wie-der als mangelhaft erwies. So entstanden vermutlich noch im 18. und 19. Jahrhundert Warften auf Pellworm, wenn gleich diese sehr niedrig waren und an Größe nicht mit den ursprüng-lichen Warften zu vergleichen sind. Mit 32 % ist der Anteil der wüsten, d. h. der nicht mehr bewohn-ten Warften an der Gesamtzahl auffallend hoch. Wo sind die Ursachen dafür zu suchen, daß so viele Warften verlassen wur-den? Zu welchem Zeitpunkt wurden sie verlassen? Es war mein Ziel, diesen Fragen nachzugehen, indem ich – gleichzeitig als Beitrag für das 1975 bis 1977 auf Pellworm laufende Projekt Norderhever (Warftgrabungen) – archivarisches Quellenma-terial mit siedlungsgeographischem Aussagewert sichtete und bestehende Kartenunterlagen auf Warften- und Gebäude-eintragungen hin untersuchte. Von Bedeutung waren nicht zuletzt auch mündliche Informationen durch Pellwormer Bewohner. Der Schwerpunkt der Untersuchungen wurde, u. a. wegen unzureichend vorhandenem Quellenmaterial, auf den Zeitraum der letzten 200 Jahre gelegt. Es ist verständlich, daß für Pellworm als bedeichte Marschinsel der Zustand der Deiche von dem letztlich auch die Sicherheit der Bewohner abhing immer bedeutsamer gewesen ist als das Schicksal einzelner Wohnplätze. Dies spiegelt sich etwa in den zahlreichen Berich-ten der Pellwormer über Deiche und Sturmflutschäden an sel-bigen wider. An Schadensberichten über Häuser und Warften mangelt es dagegen. Auskünfte über Besitzverhältnisse und Warften bebauungen geben – neben verschiedenen Karten -das Pellwormer Landbuch von 1741/70, Pellwormer Erdbü-cher (insbesondere ab 1801, im Zusammenhang mit der eben-falls 1801 erschienenen Golowin-Karte), Schuld- und Pfand-protokolle, Teilungsprotokolle, das Brandregister von 1765 u.a.rn 45 wüste Warften, von denen die meisten im Gelände noch zu erkennen sind, wurden von mir in einer Warftenkartei erfaßt; sie enthält alleermittelten Daten, Informationen und wichtigen Abbildungen. Die Mehrzahl (23) liegt in dem am niedrigsten gelegenen Großen Koog. In den nördlichen Kögen befinden sich keine wüsten Warften, was sicherlich durch deren relativ späte Wiederbedeichung nach der Großen Flut von 1634 mitbedingt ist, Die Größe und Höhe variiertvon WarftzuWarft. Die größte wüste Warft ist die Kömwarft (Durchmesser von etwa 100 m); die Durchschnittsgröße der wüsten Warften liegt bei 70 bis 80 m Durchmesser. Was den Zeitpunkt des Verlassens der Warften betrifft, so konnten folgende Ergebnisse ermittelt werden: a) Für 23 Warften konnte an Hand der Akten noch keine Be-siedlung nachgwiesen werden (z. B. die Kömwarft); sie wurden höchstwarscheinlich vor 1770, ein Großteil bereits vor 1741, verlassen. Gesondert erwähnt sei die zur Neuen Kirche gehörige Prie-sterwarft. Mehrere Pellwormer vertreten die Ansicht, daß sich auf ihr der Vorgänger der heutigen Neuen Kirche befand. Einige Aktennotizen bekräftigen diese Ansicht. Nach ihnen hat sich auf der Priesterwarft vermutlich die „Kleine Kirche“ befunden, die 1622 wegen Baufälligkeit aufgegeben wurde. b) 5 1770 noch besiedelte Warften (z. B.die Kösterwarft bei der Alten Kirche und die Haubergswarft im Südwesten des Großen Kooges). c) 4 1801 noch besiedelte Warften (z. B. die Thiessen-Warft und die“Neuhof“-Warft in Waldhusen). d) 4 1852 noch besiedelte Warften (z. B. die Bank Matthiesen Warft und die Samuelsen’sche Warft am Waldhusentief, an welchen 1975 und 1976Grabungen durchgeführt wurden). 5 1875 noch besiedelteWarften (z. B. dieCornils-Warft, die Gerichtswarft unddie im Besitzvon Joh. Meyerbefindliche Warft in Waldhusen). – f) 3 1960 noch besiedelte Warften (z. B. die Düwelswarft). e) Für nahezu die Hälfte der 45 untersuchten wüsten Warften kann also ein Verlassen nach 1770 angenommen werden. Die wüsten Pellv von Rosemarie Ki Es sei darauf hingewiesen, di beit, der diese Kurzfassur Gemeindeamt Pellworm einz steheichgernezurVerfügung dankbar. „Düwelswarft“ Betrachtet man die Ergebnisse hinsichtlich der Lagevertei-lung, erfolgten die meisten Siedlungsnachweise 1. im Bereich um die Alte Kirche und 2. im Bereich Neue Kirche -Seegaarden. , Die Fragen nach Zeitpunkt und Ursachen für das Verlassen von Warften müssen im größeren Zusammenhang der Geschichte Pellworms betrachtet werden, wobei naturgebundene Fakto-ren (Sturmfluten, Lage der Warften in ausgedeichten Gebieten etc.) wie sozio-ökonomische Faktoren (wirtschaftliche Situa-tion der Insel, soziale Stellung der Warftbewohner etc) glei-chermaßen zu berücksichtigen sind. ‚ Konkrete Hinweise auf die Ursachen einer Warftaufgabe lie-gen nur in wenigen Fällen vor. Zweifelsohne werden die zahl-reichen Sturmfluten vielfach zum Verlassen von Warften ge-führt haben. So wird vermutet, daß bei einem Großteil der wüsten Warften, für die keine Besiedlung nachgewiesen wer-den konnte und die bereits vor 1770 verlassen wurden, die Ursache in Sturmfiuten zu sehen ist (insbesondere in den Fluten von 1362, 1634, 1717/52). Auch für das Verlassen der Warften nach 1770 sind Sturmfluten mitverantwortlich gewe-sen. Zu denken ist hier in erster Linie an die Sturmflutreihe 1792-1794 (z. B. Aufgabe der „Hilligenwarft“ bei der Alten Kirche) und an die Flut des Jahres 1825 (vermutlich Auslöser fur das Verlassen der Thiessen-Warft u.a.m.) In engem Zusammenhang mit den Auswirkungen von Sturm- fluten ist die sozio-ökonomische Lage der Inselbewohner zu sehen. Der Grundsatz des Spadelandrechtes, der jeden Land- besitzer betraf, blieb bis zum 19. Jarhrhundert erhalten: werden Forderungen bei der Instandsetzung der Deiche nicht nach- kommen konnte, verlor seinen Besitz mußte Konkurs melden. Lagen im 18.Jahrhundert-,e bereits zahlreiche Konkurs- meldungen vor, so erreichten sie jedoch zahlenmäßig ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert, bedingt durch die Sturmfluten von 1792-1794 und 1825. 1830 befanden sich fast 1/3 der gesamten Grundstücke der Insel in königlichem Besitz. Viele Bauern mußten ihre Höfe verlassen. Manche siedelten sich auf dem Festland an, andere wanderten sogar nach Übersee aus. Als Folge davon war gerade im 18. und 19. Jahrhundert ein Bevölkerungsrückgang auf der Insel zu verzeichnen. Andere vom Konkurs betroffene Bewohner blieben zwar auf der Insel, verließen aber ihre bisherigen Wohnplätze, insbesondere wenn die finanziellen Mittel für erforderliche Reparaturen an bereits baufälligen Gebäuden nicht vorhanden waren. Sie wurden meist Deich- oder Landarbeiter. Als Beispiel mag wiederum die Thiessen-Warft gelten, deren letzter Bewohner Konkurs melden mußte. was höchstwahrscheinlich Ursache für die Warftaufgabe war. Erst das nach 1830 durch Kapitän Petersen eingeführte „Prinzip der geschlossenen Stellen“ bewirkte letztlich eine Besserung der wirtschaftichen Verhält- nisse. Als weiteres Kriterium für das Verlassen von Warften war bis in heutige Zeiten die Lageungunst bedeutsam, welche durch Fehlen von Zuwegungen und befestigten Straßen die Erreich-barkeit von Warften insbesondere zu Herbst- undWinterzeiten erschwerte. Noch beschwerlicher wurde es, wenn die Warft zusätzlich in einem Vernässungsgebiet lag (z. B. die Düwels-warft). Trat zur Lageungunst noch Baufälligkeit des Hauses auf, so ist verständlich, daß es für einige Warftbewohner ren-tabler war, ihren Wohnplatz an einen Hauptweg oder Mittel-deich zu verlegen. Versucht man, einen zeitlich- ursächlichen Zusammenhang der Warftaufgabe herzustellen, so. lassen sich 2 Wüstungsperioden erkennen “ Der Übergangszeitraum der beiden Perioden liegt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die 1. Periode ist gekennzeichnet, durch die Auswirkungen der zahlreichen Sturmfluten (bei zusätzlich durchweg unzulänglichen Deich-verhältnissen) sowie die relativ hohe Sterblichkeit des 15.- 18. Jahrhunderts (bedingt durch Pest und Seuchen). In der 2. Periode ist die wirtschaftliche Kraft der Insel stark geschwächt. Die daraus resultierende hohe Konkursziffer spiegelt die finan-zielle Notlage der Inselbewohner wider. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts dürft6 die materielle Unfähigkeit, eine Warft wieder in einen sicheren bewohnbaren Zustand zu bringen, für eine Warftaufgabe ausschlaggebend gewesen sein. Dagegen sah sich der Warftbewohner in der 2. Hälfte des 19. Jahrhun-derts – infolge des generellen wirtschaftlichen Aufschwungs der Insel – in der Lage, seine Warft (angesichts eventueller Lageungunst und Gebäudebauf älligkeit) zugunsten einer Ver-besserung der Wirtschafts- und Wohnbedingungen aufzuge-ben. Man traute dem Seedeich zu, daß er künftig alle Sturm-fluten abwehren könne.

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