Mit dem Eisboot unterwegs

Mit dem Eisboot unterwegs

Der Winter ist ein harter Mann, kernfest und auf die Dauer, sei h Fleisch fühlt sich wie Eisen an, er scheut nicht süß noch sauer. … So heißt es in einem alten Gedicht, welches wir in der Schule – jedes Jahr aufs Neue lernen mußten. – Unsere Insel hat diesen Frost und die strengen Winter mit viel Eis und Schnee in der Vergangenheit recht oft zu spüren bekommen. Die Einwohner haben es erlebt und überlebt. – Im vorigen Jahr-hundert wurde daher mit dem Monat November die planmäßi-ge Dampfschiffahrt eingestellt, weil der Raddampfer keine Eisbehinderungen bezwingen konnte. Es wurde nur noch unregelmäßig bei offenem Wetter gefahren. Die Post wurde dann einige Male in der Woche an den Hattstedter Deich gebracht und die ankommende Post abgeholt. Von Husum aus wurde sie mittels Pferdefuhrwerk dorthin geschafft. Gelegent-lich wurde dann auch mal ein Passagier mitgenommen. Der Schiffer Dethlef Selmer vom Ostersiel, dessen Tochter im Dezember 1978 im hohen Alter von 98Jahren ierstarb, machte viele Jahre die Fahrten mit seinem Segelschiff. Er hatte sich ganz darauf eingestellt und erhielt auch dann in den Jahren eine k16ine Entschädigung, wenn er nicht gebraucht wurde. Die Pellwormer Kaufleute waren mit der Bevorratung recht-zeitig auf den Winter eingestellt und lagerten die notwendigen Güter vor dem Frost ein.
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das Eisboot.
Ein ca. 6 Meter langes, geklinkertes Boot, offen, ohne Verdeck. Leicht und dennoch stark gebaut, ähnlich der finni-schen Akjas. Es mußten immer 5-6 Mann zum Ziehen durch die Eiswüste und zum Rudern über die Norderhever darin Platz finden. Die Dampfergesellschaft war für die Beförderung der Post verantwortlich und stellte auch das Boot. – Die Postsa-chen waren in Ledertaschen, sogenannte Felleisen, verpackt und wurden möglichst nach Nordstrand in die Nähe des Erich-sen Hofes – zwischen Strucklahnungshörn und Norderhafen – gebracht. Manchmal kamen die Nordstrander den Männern von Pellworm entgegen und dann wurde die Post auf dem Eise getauscht. – Klappte dies manchmal nicht, infolge Eistrift ‚ so kam es wohl auch mal vor, daß die Besatzung auf Südfall landete und dann wurden die Felleisen umgehängt und zu Fuß nach Nordstrand marschiert und dort die Post ausgetauscht. Von der Insel ging nicht viel Post weg, aber vom“festen Wall“ mußte doch allerhand mitgebracht werden. Zuerst die Brief-post, möglichst die neueste Zeitung oder das Husumer Wochenblatt, wie es damals noch hieß.Wenn es nichtallzu kalt war, etwas Hefe für die Bäcker und für den Arzt Medizin * -Gelegentlich wurde auch noch manchmal ein eiliger Passa-gier auf eigene Verantwortung mitgenommen.

Wie ging nun so eine Fahrt vor sich?
Normalerweise hat man versucht vom Kraienhörn – Vogel-koje – Richtung Nordstrand zu kommen. Aber es glückte nicht immer. Ebbe und Flut sind auch noch in der Eiswüste des Wattenmeeres zu Hause und es kam vor, daß das Boot bis Heversteert oder bis Süderoog runter trieb, um dann doch noch, aber später, die Hallig Südfall zu erreichen. Aus dem halbrunden Giebelfenster des alten Kapitänshauses am Hafen konnte meine Großmutter mit einem langen Fernrohr beob-achten, wenn die Männer die Halligwarft raufgingen. Manch7 mal wurde auch noch ein Korb am Fahnenmast aufgezogen zum Zeichen, das die Besatzung über Nacht dort blieb und die Nordstrander dann mit der Post rüber kamen.
In der Zeit gab es noch kein Telefon oder Telegraf. Man kann sich vorstellen, wie die Angehörigen – Frauen und Kinder -wohl gebangt haben, wenn Nebel aufkam. In diesem Falle wurde mittels Nebelhörner Signal geblasen. – Drei Töne am Süderoog, zwei Töne am Tammensiel und ein Ton an der Vogelkoje. – So kamen sie immer wieder gut, wenn auch manchmal naß und durchfroren zur Insel zurück. Waren sie zu weit vom Hafen gelandet, wurde ein Boot zu der Familie Clausen-Hermann und später Nicolai geschickt, die dann die Sachen mit dem Fuhrwerk zur Post brachten. Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf der Insel „Dat lesboot is werrerdor“. Nach etwa zwei Stunden konnte man dann die Post vom Postamt am Hafen abholen, egal wie spät es inzwischen geworden war.

Was waren diese Eisbootfahrer eigentlich für Menschen?
Meistens altgediente Männer der Marine. Wie konnte es sonst sein, daß einige dieser beher’zten Leute ihre Heuer für den Winter aufgaben, um hierzu Hause die Eisbootfahrten gegen ganz geringe Entlohnung mitmachten. Sie standen auf Abruf bereit

Wie geht es nun heute vor sich mit der Postver-sorgung im Winter?
Seit 1928 hat das Flugzeug und gelegentlich auch mal ein Hubschrauber den Eisnotdienst übernommen. Sollten in Zukunft Schwierigkeiten mit der Versorgung auftreten, wird eine private Fluggesellschaft den Notdienst übernehmen. Pellworm hat ja einen Außenlandeplatz, der mit Ausnahmege-nehmigung benutzt werden darf.

Wo ist das letzte Eisboot-geblieben?
Es hatte bis etwa 1932 im Güterschuppen gelegen und wurde dann praktisch an Sönke Petersen von Oland verschenkt. Er mußte damals zwei Fahrten als Matrose mit nach Husum machen und erhieltesals Lohn dafür. Nach Umbau und Einbau eines Motors hat es den Halligleuten noch bis zum Sturm 1962 gedient. Es ist damals weggetrieben und wie Sönke darüber berichtet, ist bisher nichts davon gefunden worden. Heute noch sei ein Dank diesen tapferen und beherzten Männern gesagt.

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