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Pellworm, den 29.07.2010 - 18:29 Uhr

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SEEGAARDEN
Ein geschichtlicher Überblick über das frühere adlige Gut Seegaarden in Vergangenheit und Gegenwart

Bearbeitet von Karl-Friedrich Krohn, 1954, Pellworm

Ein Weg, im Volksmund "Kirchensteig" genannt, führt vom Hafen zur Neuen Kirche. Im ersten Drittel des Weges, zur rechten Hand vom Hafen aus, liegt ein sehr großes Gehöft, wohl das größte auf der Insel. Es ist der alte Hof Seegarden. Auf der Karle ist er im großen Koog zu finden. Woher kommt der Name Seegaarden?
Die Umgebung ist flaches, niedriges Land, welches früher oft vom Wasser überflutet war. Daher entstand der Name: Seegaard. ? Gaard bedeutet Hof. Seegaard oder Seegaarden = Seehof. In den dortigen Flurnamen kommt noch die Bezeichnung "Seefenne" vor.
Der Hof war in alter Zeit ein adliges Gut und besaß die Gerichtsbarkeit über die zum Hofe gehörenden "Gut- und Untergehörenden".
Ober die eigentliche Entstehung des Gutes fehlt es an zuverlässigen Nachrichten. Laut"Chronik von Pellworm" von Karl Hansen, muß ein besonderer Umstand bei der Entstehung des Gutes mitgespielt haben. Auf Alt?Nordstrand und überhaupt in den Marschen wurden dem Adel nicht leicht besondere Vorrechte eingeräumt, und durch eine herzogliche Verordnung war es sogar untersagt, Ländereien anzukaufen. Weiter sagt die Chronik, das Gut dürfe in der Zeit der Grafenfehde, wohl in den Jahren um 1473entstanden sein. Diese Angabe könnte zu Irrtümern Anlaß geben, da nach der "Geschichte Schleswig?Holstein" von Otto Brandt die Grafenfehde von 1533 bis 1536 als solche bezeichnet wird. Die Chronik aber weiterhin vermerkt, daß die Verlegung der Kapelle zum "Heiligen Kreuz" auf dem Gute Seegaarden 1517 beantragt wurde. Legt man aber die Zeit um das Jahr 1473 als Entstehung des Gutes zugrunde, so dürfte das Gut schon nach den Kämpfen oder Auseinandersetzungen zwischen König Christian 1 und den Ständen entstanden sein.
Nach der Chronik von Pellworm soll nach einer Mitteilung des Chronisten P. Sachs, dem damals dienstenthobenen Staller auf AltNordstrand Lorenz Levens wegen seiner Königstreue etwa 6000 Demat Land geschenkt worden sein. Dieses land gehörte den Anhängern des Grafen Gerhard, die es nach der Niederlage des Grafen abgeben mußten. Bei dem Grafen Gerhard dürfte es sich um den Bruder des Königs Christian 1 handeln, der ein ehrgeiziger Politiker war. Diesem war die Stellvertretung in beiden Ländern überlassen, die er zu eigennützigen Plänen mißbrauchte (Geschichte Schleswig?Holsteins). scließlich mußte Christian 1 gegen seinen Bruder vorgehen, da er ihm gefährlich wurde.
In der bereits genannten Schenkung dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit daher der Ursprung des adligen Gutes Seegaarden zu suchen sein. Auf Alt?Nordstrand waren zwei Rittergüter, nämlich Morsum und Seegaarden. Morsum ging in der Flut 1634 unter. Seegaarden blieb erhalten.
Die Namen der Rittergeschlechter, die Seegaarden in Besitz hatten, können in den mir zugänglichen Unterlagen nicht mehr festgestellt werden. Als Besitzer wird nur einmal ein "Bosche von Thiessen auf Kühren" erwähnt.
Am 20. 10. 1662 stellte lt. Pellwormer Archiv, Abt. 17/111, der damalige Eigentümer des Gutes Seegaarden, der frühere Immissionseinnehmer J u e 1, das Gut wegen ihm fehlender Gesundheit aus der Hand zum Verkauf. Aus diesem Teil der Unterlagen geht die damalige Größe der zum Gut gehörigen Ländereien, Beschreibung der Gebeude, Brandgildenwert und Anspruch auf Kirchenstühle in der Alten und Neuen Kirche hervor.

Weitere historische Unterlagen sind hier nicht mehr vorhanden. Ein großer Teil des Pellwormer Archivs ist verloren gegangen, und es haben sich erst Anhaltspunkte ab 1672 finden lassen. ? Wie schon vorher angeführt, wurde die Verlegung der Kapelle zum "Heiligen Kreuz" vom Gute Seegaarden nach einem Ort "de Wisch" 1517 beantragt. In dieser Kapelle ist der erste Vorläufer der hiesigen "Neuen Kirche" zu sehen. Nach einer gutbeglaubigten Nachricht lt. Chronik hat der Kapellenbau 1528 begonnen. Ein Beweis, daß tatsächlich auf dem Gute eine Kapelle war, darf in der Ost?Westlage des Gebäudes, sowie heute noch vorhandener Eichenbalken mit kirchlichen Schnitzereien auf dem Boden des heutigen Gebäudes sein. Durch die Verlegung der Kapelle dürfte schon ein erheblicher Teil des Grundbesitzes vom Gute zu Gunsten der Kirche abgetreten sein. Außerdem hat die Flut von 1634 den größten Teil des Gutsbesitzes fortgerissen. Dies wird dadurch bewiesen, daß die Ketelswarft auf Langeness zu Seegaarden gehörte, die dortigen Bewohner Gutsuntergehörige nach Seegaarden und zinspflichtig waren, auch ebenso der qutsherrlichen Gerichtsbarkeit unterstanden Daß Rittergeschlechter bestimmt auf Seegaarden seßhaft waren, ist heute nur noch in einer Sage enthalten, die im folgenden aus der Chronik wörtlich angeführt wird. Seegaarden und die Gurde. Einst lebten auf Seegaard und der Gurde Brüder. In einem Krieg zog der. Bruder auf der Gurde außer Landes und blieb lange fort und man hörte gar nichts mehr von ihm. Seine Frau wartete auf Nachricht von ihm, aber immer vergeblich. Nicht das Geringste hörte man mehr von ihm. Auch als der Krieg beendet war, kam weder er noch eine Nachricht von ihm. Nach langer Wartezeit hielt man ihn für tot. -
Der Bruder auf Seegaard, der daheim geblieben war und keine Frau hatte, faßte eine heftige Zuneigung zur Frau seines Bruders. Lange warb er um sie. ? Schließhch fand er Erhörung und der Hochzeitstag wurde festgelegt. ? Der Hochzeitstag kam und sie wurde sein Weib. Die Hochzeit wurde auf Seegaard gefeiert.
Als man an festlicher Tafel saß, es war abends und die Tische besetzt mit brennenden Lichtern, da hörte man Hufschlag auf dem Hof. Ein Reiter kam zur späten Stunde und band sein Pferd an den eisernen Ring am Türpfosten. Erwartungsvoll blickten alle zur Tür. Sie öffnete sich und herein trat in voller Rüstung, erhitzt vom scharfen Ritte, der totgeglaubte Bruder. Kein Wort sprach der Heimgekehrte, nur seine Augen funkelten unheimlich, und diese Augen schlugen die Gäste, den Bruder und sein Weib wie in einen Bann. Kein Wort der Erklärung fiel, was geschehen, sah der Totgeglaubte. Sein Weib im Hochzeitsschmuck an der Seite seines Bruders. Was er sah fiel wie ein Brand in sein Blut!
Jetzt trat er von der Schwelle in den Saal! Er sah nur den einen, seinen Bruder, und zu ihm lenkte erseine Schritte. Ein kurzerAugenblick, nureine Schwertlänge zwischen den Beiden, Auge in Auge! Starres Entsetzen unter den Gästen, allen waren die Hände wie gefesselt. Da! Ein Blitzen des Schwertes, funkelnd fuhr es in das Herz des Bruders, der ihm sein Weib genommen. Hoch spritzte die Quelle des roten Blutes und malte an der gegenüberliegenden Wand einen Fleck. Bleich und wie entseelt sank das Weibzu Boden. Doch sein Schwert berührte sie nicht. Wortlos, wie er gekommen, verließ der Bruder den Saal, schwang sich auf sein Pferd, und durch die Stille hörte man die Hufschläge, die sich in der Richtung der Gurde verloren.
Jetzt erst wich das Entsetzen von den Gästen. Sie sprangen auf, waffneten sich, und mit verhängten Zügeln jagte man dem Brudermörder nach, man umstellte ihn in seiner Burg. Man stürmte und bezwang den Herrensitz. Doch man fand den Bruder nicht, alles Suchen blieb vergeblich. Hatte er sich in einem Geheimgang entfernt? Keine Spur von ihm, man hörte nie wieder etwas von ihm.
Und auf Seegaard? Der Blutfleck an der Wand, vom Herzblut des Bruders gemalt, ließ sich nicht entfernen. Man wusch ihn ab, er kam wieder. Man entfernte die Steine und setzte neue ein, der Blutfleck kam wieder. So ging das lange Jahre! Erst in neuer Zeit ist der Blutfleck verschwunden! So erzählt die Sage! Es wird ihr eine wahre Begebenheit zu Grunde liegen. ?Soweit die Chronik.
Der Stein mit dem eisernen Ring am Türpfosten, an dem der zurückgekehrte Bruder angebunden hatte, befindet sich noch auf dem Grundstück an der Südwestecke. Angeblich soll dieser Stein hohl und mit Blei ausgegossen sein. Nach neuesten Forschungen ist der Brudermörder aber nicht zur Gurde geflohen, sondern er hat die Insel nach Osten verlassen. Er soll in Jütland aufgetaucht sein und dort auch wieder geheiratet haben. Seine Familie soll dort noch nach drei Generationen weiter bestanden haben. (Nach der von Rechtsanwalt und Notar Dr. Goslar Carstens veröffentlichen Arbeit: Zur Geschichte des nordfriesischen Adels", Jahrbuch des Heimatbundes Nordfriesiand Nr. 24 v. 1937). Dieses Jahrbuch konnte ich aber z.Zt. nicht erhalten. ? Es wird dort von zwei Brüdern Freiherrn v. Meinstorf berichtet.
Wie das Adelige Gut zum Bauerhof wurde. Das Gut, das mit allen adligen Vorrechten und Gerechtigkeiten ausgestattet war, verlor im Lauf der Zeit immer mehr an Bedeutung. Durch viel Verpachtungen wurde es immer unrentabler und viele Pächter machten Konkurs, da die Aufwendungen des adligen Gutes zu viel Geld zur Unterhaltung erforderten.
Aus dem Archiv ist zu ersehen, daß die beim Gut befindliche Gerichtsbarkeit erforderte, daß vom Gute eine rechtskundige Person (ein Jurist) unterhalten werden mußte, was große Kosten verursachte. Bei dieser Gerichtsbarkeit, die mit Zivil ? und Kriminalgerichtsbarkeit sowie Polizeiaufsicht verbunden, die "Niedere Gerichtsbarkeit" umfaßte.
Außer diesen Aufwendungen war das Land häufig durch Überflutungen immer weiter in eine schlechte bodenwirtschaftliche Lage geraten. Nach einem Konkurse mußte bei der öffentlichen Versteigerung die Landschaft Pellworm das Gut für 300 Reichstaler ersteigern, um den Konkurs überhaupt zu beenden. Um diesen Umständen ein Ende zu machen, wandte sich die Vorsteherschaft der Landschaft Pellworm 1835 an den damaligen Advokaten Storm in Husum, dem Vater unseres Heimatdichters Theodor Storm, mit der Bitte um Ausarbeitung einer Bittschrift an den König von Dänemark. Die Bittschaft bewirkte die Aufhebung der "Niederen Gerichtsbarkeit" vom Gute Seegaarden. (Archiv Pellworm)



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