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Pellworm, den 29.07.2010 - 18:43 Uhr

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Date: 29.07.10
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Hans Sachs- Wochenende mit dem Schnaps und Poesie-Theater

Einen Augen- und Ohrenschmaus ganz anderer Art präsentierte das Studio vom 27.- 29. Juli. Was sich an diesen drei Abenden bei herrlichstem Wetter im Studio-Garten abspielte, wer prallen, vitales Volketheater im echten Sinne des Wortes, Schnaps und Poesie?Theater für Leute, die sich nicht zu fein sind, einen Schnaps zu trinken nach des Tages Härte, einen "poetischen Schnaps", damit aus den Tagen schöne Tage werden, nicht nur für diejenigen, die sich eh schon an Goetheschen Sphärenlängen laben können sondern eben gerade auch für die anderen, die sonst wenig mit dem Theater im Sinn haben. Dies zu erreichen, ist überzeugendes und - wieder Erfahrung zeigt gelungenen Anliegen der Schnaps und Poesie- Theater Truppe . Wie früher dle Komödiantentruppen, die durch die Lande zogen, ihre Laken zwischen dle Bäume spannten Masken aufsetzten und spielten, so will auch das Schnaps und Poesie Theater mit einfachsten Mltteln die Leute unterhalten und belehren, mit Lustigem und Traurigem, das Leben unter die Lupe nehmen mit Artistik, Vitalität und Heiterkeit.

Mit der Schwankdichtung des Hans Sachs fand das Schnaps und Poesie?Theater einen Stoff, der die Grundprinzipien ihrer Vorstellung vom "Volkstheater" voll erfüllte. Und über den zunächst flach anmutenden Begriff des "Schwankes" hinaus, entpuppten sich die mehr als 400Jahre alten Stücke als inhaltlich sehr aktuell, da die Darstellung der dort beschriebenen zwischenmenschlichen Verkehrsformen durchaus die durch gesellschaftliche Verhältnisse bedingten kleinfamiliären Probleme widerspiegeln, die, wie es einem Theater der Hoffnung gema(3 ist, in der Versöhnung gelöst werden. So finden im ersten Stück des Abends "Das heiße Eisen" Eheleute, deren Liebe durch tägliche Arbeit und Kampf ums Brot verschüttet wird, nach vielerlei Not wieder zueinander, in "Der fahrende Schüler im Paradies" erkennt der rechthaberische, dünkelhafte Großbauer, daß es doch nicht so gut ist, sich immer für etwas Besseres zu halten als andere und gewinnt dadurch die Liebe seiner Frau, die vorher dem ersten Gatten nachtrauerte. Im letzten Stück des Abends schließlich "Das Kälberbrüten" erkennen die Eheleute, dass sie bei ihrem harten Leben gemeinsam stark sein müssen.

Die Mannschaft des Schnaps? und Poesie?Theaters besteht aus vier festen Mitarbeitern, zusammen schlossen in einer Schauspieler? Produktionsgenossenschaft die in der ländlichen Kleinstadt' Verden ihre Theaterprogramme erarbeitet.

Ellen Bittmann hat eine nun 1 OjährigeTheatererfahrung hinter sich, 5 Jahre im Charakter? und Liebhaberfach an den Städtischen Bühnen Dortmund, danach eine Vielzahl wechselnder Engagement an Bühnen in Amsterdam, Tübingen, Recklinghausen, Verden, Bochum, Erlangen, Oberhausen. Uli Düwert ging den gleichen Weg wie Ellen, die beiden stehen seit 10 Jahren geTneinsam auf der Bühne, nicht zufällig ? sie sind verheiratet. Uber die Schauspielerei hinaus spezialisierte sich Uli Düwert auf die Gebiete der Pantomime und Clownerie und auf das Regiefach ' Reiner Cohrs ist allround man. Von Haus aus Grafiker und Graveur kam er 1968 ans Theater mit dem Musical "Hair", womit er lange Zeit ganz Deutschland bereiste. Nach einer Zeit .freier Musikarbeit folgten Engagements in Verden, am Operettenhaus Hamburg und in Oberhausen als Maler, Inspizient und Schauspieler. Jörni Mierzwa betreut die Truppe auf technischem Gebiet und war vorher als Tontechniker am Landestheater Niedersachsen beschäftigt. Für die vier waren die drei Tage im Studio für die nächste Zeit einmal die letzte Gelegenheit, "Schnaps? und Poesie?Theater" zu machen. Wirtschaftliche Gründe zwingen sie, ihr freischaffendes Künstlertum aufzugeben und zunächst einmal wieder ein Engagement an "herkömmlichen Theatern" anzunehmen, Sie sind ab der neuen Spielzeit am Dinslakener Theater engagiert, wo sie als Gruppe Kindertheater machen. Schade, denn die Begeisterung auf Pellworm über ein solches Alternativ Theater war groß. Die Besucherzahl stieg Tag für Tag, wie gut, daß der Studio?Garten weiträumig genug war. Groß genug auch, daß die drei Schauspieler über die zur Bühne umfunktionierten Veranda hinweg ihrem Bewegungsdrang freien Lauf. lassen konnten. Wahre Lachstürme erntete die teils skurrile, teils derb?komische, immer aber bis fast ins Absurd Clownhafte ausgespielte Darstellungsweise. Meisterhaft angefertigte Halbmasken unterstützten die pantomimisch und sprachlich ausgereifte Leistung. Daß Bäume, Weiden und sogar die Kühe und Pferde auf der Nachbarfenne zu nicht eingeplanten Requisiten wurden, vergrößerte sichtbaren Spaß der Schauspieler selbst und den der Zuschauer. Manch theaterkundiger Städter kam später wieder ins Studio, um noch einmal zu versichern: "So etwas Großartiges haben wir noch nicht gesehen".

Umrahmt wurde der ganze Abend - der Intention dieses Alternativtheaters entsprechend - von einem Jahrmarkt mit Flohmarkt, Wahrsagerbude, Groschenspielen, Spiegel des Schreckens u.ä., veranstaltet von der Kindertheatergruppe Pellworm, den "Vogelscheuchen". Die Wäscheleinen hingen voll mit "Verkleidungeklamotten", und nicht nur die Kinder spielten ausgiebig damit. So sahen dann auch nach kurzer Zeit die Zuschauer recht bunt?komisch aus. Natürlich floß auch Bier und brutzelten die Bratwürste. Markus Liermanns selbst gedichteten "Brammin?Verse", auf Pellworm wohlbekannt, zum Schifferklavier von Markus gesungen, und gemeinsames Singen brachten neben Jahrmarkt und Bier in den Pausen die Leute in Schwung. Am Sonntagabend waren dann auch Schorse und Eumel, die beiden Liedermacher aus Verden, mit von der Partie. Schorse und Oimel begleiten das Schnaps und Poesie?Theater musikalisch, konnten jedoch an den beiden vorhergehenden Tagen nicht dabei sein, weil sie, eine eigene Nordfriesland?Tournee machten.

Hoffen wir, daß das gesamte Ensemble in der nächsten Theatersommerpause wieder auf Pellworm und in anderen ländlichen Gegenden Schnaps und Poesie?Theater machen kann, und daß vielleicht eines Tages auch Behörden merken, daß eine solche kulturelle Arbeit unterstützenswert ist. Wie großartig wäre es, wenn eine solche Truppe es sich leisten könnte, wirklich nur noch Schnaps? und Poesie?Theater zu machen.



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