Nordseeinsel Pellworm

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Pellworm, den 20.03.2010 - 09:40 Uhr

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Date: 20.03.10
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PELLWORM - eine Rentnerinsel

Was sind nun die Gründe für den unverhältnismäßig hohen Bevölkerungsschwund? Pellworm hat a) eine natürliche Abwanderung durch kleine Geburten? und hohe Sterbeziffern, die zusammenhängt mit b) einer überdurchschnittlichen Abwanderung junger Leute. Nahezu jeder Pellwormer Schüler, der mit 15, 16 oder 17 Jahren die Haupt- oder Realschule beendet, muß notgedrungen erst einmal zum Festland, wenn er eine weiterführende Schule besuchen oder eine Lehre antreten will. Nach der Lehre oder einer andersweitigen Ausbildung verbleiben die meisten auf dem Festland, weil auf Pellworm kaum Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Ein Blick auf die Pellwormer Erwerbsstruktur macht deutlich, daß der Arbeitsmarkt nicht gerade vielfältig ist:
Der Hauptanteil der Pellwormer Erwerbstätigen lebt von der Landwirtschaft (49,3%). Im Zuge der bundesweiten Entwicklung der Technisierung und Konzentration der Landwirtschaft ging wie überall die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe auch auf Pellworm zurück. Gab es 1949 noch 164 Haupter werbsbetriebe, so sind es heute noch 80 (Nebenerwerbsbe triebe 1945: 50 ? 1976: 26). Da wie überall nicht nur die An zahl der Höfe selbst, sondern auch der dort beschäftigten Personen aufgrund von Technisierung abnahm, war die Abwanderung und Suche nach anderen Erwerbsmöglichkeiten eine logische Folge. Inselspezifische Probleme ? Schwierigkeiten, einen anderen Arbeitsplatz zu finden, finanzielle und eventuell persönliche Probleme (Partnersuche!) beim Verbleib auf der Insel beschleunigten dann die Abwanderung.
Wenn man also bedenkt, daß fast die Hälfte der Pellwormer Bevölkerung von dem Erwerbszweig Landwirtschaft lebt und nur weitere 37,9% von Dienstleistungs - und anderen Versorgungsbetrieben und gar nur 12,8% vom produzierenden Gewerbe, so läßt sich ermessen, daß hier kaum Möglichkeiten für Jugendliche bestehen, einen Ausbildungs? oder Arbeitsplatz zu bekommen. Die Anzahl dieser Betriebe läßt sich in der jetzigen Situation kaum vergrößern, im Gegenteil, sie nimmt ab; und selbst die wenigen Lehrherren, die einen Ausbildungsplatz zur Verfügung stellen können, müssen inselbedingt mit durchaus beachtlichen Schwierigkeiten rechnen. Der Besuch der Berufsschule in Husum erfordert oft von den Auszubildenden ein Fernbleiben von zwei, in schlimmsten Fällen sogar drei Tagen, wenn die Fährverbindung besonders ungünstig ist. Ein Überblick über die vorhandenen Betriebe und Erwerbsmöglichkeiten macht deutlich, daß es sich hier ? zieht man die Größe der Insel in Betracht ? hauptsächlich um Klein? und Familienbetriebe handelt.
Es gibt auf Pellworm (1976):
1 Landwirtschaftliche Genossenschaft
1 Landhandelsbetrieb mit Schweinemast
2 Bauhandwerksbetriebe
3 Schlosserei- und Landmaschinenwerkstätten
3 Bäckereien
8 Gastwirtschaften mit Bettenvermietung
1 Sattler und Innenausstatter
1 Möbel- und Textilhandel
7 Gemischtwarenläden
1 Kleinbusunternehmen
4 Kutterf ischer
1 Küstenmotor -Frachtschiffe
1 Sandfischer
1 Verkehrsbetrieb

Weitere wenige Siellen bei den beiden Sparkassen, der Post, der Schule, der Gemeinde, Kurzentrum u.ä. oder beim Marschenbauamt runden das hiesige Erwerbsbild ab.
Der durch die oben beschriebene Erwerbsstruktur beschleunigte Bevölkerungsschwund bedingt natürlich Konsumrückgang und dieser logischerweise wieder Betriebsauflösung. Dieses wiederum bedeutet auch in Zukunft wieder weniger Arbeitsplätze, und so ergibt sich ein zwangsläufiger Kreislauf. Im letzten Winter waren 44% der Versicherungspflichtigen auf Pellworm arbeitslos. (Allerdings suchten durchaus einige Pellwormer Betriebe Gesellen oder Aushilfskräfte, fanden jedoch auf Pellworm niemanden und stellten schließlich auswärtige Bewerber ein).
Bedingt sind diese Prozesse nicht zuletzt durch den tideabhängigen Verkehr. Verkehrsmöglichkeiten sind innerhalb der Tide von 12,5 Stunden nur innerhalb einer Zeit von 5,5 Stunden über MThW möglich. Zwar soll die Fahrzeit auf 9 Stunden je Tide erhöht werden durch Ausbaggerung der Fahrrinne, was einen Kostenaufwand von 700000 DM bedeuten würde, aber noch sind die Kompetenzstreitigkeiten zwischen Bund, Land und Europäischer Gemeinschaft nicht beigelegt. Daß diese sehr wünschenswerte und notwendige Erweiterung der Fahrzeit bestimmte berufliche (und natürlich auch persönliche) Schwierigkeiten bedeuten kann, steht außer Frage. Die wirtschaftlichen Nachteile für Gemeinde, Betriebe und Einzel haushalte sind jedoch auch bei erweiterter Fahrzeit nicht aus der Welt geschafft. Durch die schlechte Verkehrsauslastung der drei Fährschiffe in den Monaten außerhalb der Saison entsteht eine Fahrgeld? und Frachtenbelastung gegenüber den Festlandslinien von bis zu 400%. Die unterbrochene Transportkette bedeutet eine Belastung für die Landwirtschaft für Produktionsmittel zur Insel und Produkte zum Festland an Schifffracht und Umschlag von 115,? DM ? je Hektar. Die Lebenshaltungskosten sind bis zu 25% höher als auf dem Festland, die Hochbaukosten bis zu 30%, die Tief? und Straßenbaukosten bis zu 120%! Der Preis für 1 t Teersplitt bspw. beträgt auf dem Fest land 40,? DM, auf Pellworm 90,? DM. Diese insgesamte wirtschaftliche Benachteiligung trägt ganz sicher auch zum Entschluß bei, die Insel zu verlassen. (Eine kleine persönliche Bemerkung am Rande: Ein Zahnarztbesuch ist oft eine kleine Weltreise: man quält sich im Winter nachts um 4 Uhr aus den Betten, fährt um 5 Uhr nach Nordstrand, erreicht gegen 6.30 Uhr Husum, wartet, bis dort die Wartezimmer geöffnet werden, "erleidet' eine fünfminütige Behandlung, wartet bis 17 Uhr oder 18 Uhr auf die Fähre und kommt abends im Dunkeln wieder auf Pellworm an. Der persönliche Preis für 5 Minuten Zahnarzt: erhebliche Kosten (Fähre, Bus, Mahlzeiten) und ein ganzer "verlorener" Tag, wenn man nicht wichtige Dinge in Husum zu erledigen hat).
Für die Gemeinde hat die ständig zunehmende Abwanderung natürlich steuerliche Nachwirkungen. Durch Betriebsauflösung schwindet die Gewerbesteuer: Niedrige Einwohnerzahlen und hohe Steuerkraftzahlen je Einwohner bedingen niedrige Schlüsselzuweisungen. Die durch Wegzug oder Tod frei werdenden Wohnungen werden Zweitwohnungen für Großstädter, was außer der Grundsteuer keinerlei positive Auswirkungen auf die Steuerkraft der Gemeinde hat. Die Zahl der Zweitwohnungen ist innerhalb von wenigen Jahren von 30 auf über 100 angestiegen, wofür die Gemeinde erhebliche kommunale Leistungen gewährleisten, muß, ohne nenneswerte Vorteile zu genießen. Die Einführung einer Zweitwohnungssteuer ist darum im Gespräch. (Übrigens profitieren auch die hiesigen Gewerbebetriebe kaum von den Zweitwohnungsinhabern: a) sind die Wohnungen nur einen kleinen Teil des Jahres belegt und b) wird vieles aus guten Gründen vom Festland mitgebracht, was man ? teurer ? auch hier kaufen könnte). Weitere Nachteile, die die Gemeinde in Kauf nehmen muß: Der Unterhaltsaufwand für 49 km Straßen bedingt aufgrund hoher Frachtenbelastung für Material unverhältnismäßig hohe Kosten. Außerdem hat das Amt Pellworm außer den für alle Festlandsämter generell feststehenden Aufgaben aufgrund der geographisch bedingten Struktur eines Insel? und Halligamtes einen über das übliche Maß hinausgehenden Verwaltungsaufwand. Vergleicht man die steuerlichen Daten und Ausgaben mit anderen Festlandsgemeinden,so ergibt sich folgendes Bild (1976):



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