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Pellworm, den 29.07.2010 - 18:31 Uhr

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Ein vergessener Seegaardener

Im Totenbuch der Neuen Kirche Pellworm findet sich folgender Eintrag: "Pellworm Neue Kirche 1853 gest. 26. Juli, begraben 31. Juli Der Herr Deichkommissair Dethlef Andresen, verheiratet mit Johanna Maria geh. Melfsen" es folgen die Namen und das Alter der 7 Kinder "An dem Verstorbenen verliert seine Familie einen braven Familien-vater, Pellworm einen Mann, welcher nicht nur mit Eifer und Geschick das ihm von Sr. Majestät anbetraute Amt zum Heile und Schutze der Insel verwaltete, sondern durch sein Interesse für alle öffentlichen Angelegenheiten der Insel sich die Liebe und das Vertrauen sämtlicher Bewohner verdientermaßen erworben hatte. Er war als Landmann Besitzer des adligen Gutes Seegaard hieselbst und brachte den Hof durch Umsicht und richtige Energie zu einer nicht gekannten Blüthe. Friede seiner Asche!" Der Chronist Karl Hansen, der in der ersten Ausgabe seines Pellworm-Büchleins über die drei Deichkommissare spricht, muß diesen Nachruf seines Vorgängers nicht gelesen haben, denn er sagt nur, daß nach Kapitän Petersen "ein Andresen" das Amt verwaltet habe - nicht einmal den Vornamen nennt er! Wie kann ein so sympathischer und verdienter Mann so rasch vergessen werden? Wenn wir dieser Frage nachgehen, kommen wir einmal mehr zu der Erkenntnis, daß Zeitgeschichte nicht langweilige Zahlen sind, sondern daß es von lebendigen Menschen erlebte und erlittene Schicksale sind. Detlef Andresen, der die Ingenieurschule in Kiel besucht hatte, trat sein Amt nach dem Tod des Kapitäns Petersen 1849 an, nachdem er schon länger dem schwer erkrankten, verdienst-vollen Mann zur Seite gestanden hatte. Ein Jahr vorher hatten sich die Schleswig-Holsteiner erhoben und eine provisorische Regierung ohne dänische Beamte gegründet; 1849 kündigte Dänemark den durch die Intervention der Großmächte zustande gekommenen Waffenstillstand, und es kam zu erneuten Kämpfen. 1850 berief Preußen alle seine Offiziere aus der Schleswig-Holsteinischen Armee ab. Die im Stich gelassenen Schleswig-Holsteiner kämpfen allein weiter, werden aber in der Schlacht bei Idstedt entscheidend geschla-gen. Das einzige Denkmal der Gefallenen ist Storms Gedicht: Gräber in Schleswig. 1852 muß Storm seine geliebte Vaterstadt Husum verlassen und ohne Amt mit einer großen Familie in die Fremde gehen. - Das ist der Rahmen der Amtsjahre Detlef Andresens! Durch die politischen Wirren verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Insel Pellworm so, daß die Bewohner Pellworms"Einwen-dungen gegen die geplanten Steindecken am Wester- und Kleinen Koog" erhoben. "Sie erklärten das Bauvorhaben für unmöglich und schlugen gleichzeitig eine billigere Bauart vor", nämlich die von Detlefs Vater, dem Deichgrafen Martin Andresen, erfundene Bedachung mit Klinkern; die Fugen wurden mit Asphalt ausgegos-sen. (Detlef Andresens Bericht nach Husum vom 3.6.1849) Am 26.3.1850 begründete er einen Rückgang der Arbeiten am Steindeich mit dem Mangel an Arbeitskräften. Während sonst 60-80 Arbeiter im Frühjahr nach Pellworm gekommenwaren und bis in den Spätherbst auf Pellworm gearbeitet hatten, konnte nunmehr durch die Einbe-rufung der jungen Leute zum Militär mit einem solchen Zuzug nicht gerechnet werden. Nur die Pellwormer, die durch Kapitän Petersens Vermittlung nach der Schadensflut von 1825 vom Militärdienst befreit waren, standen, wenn sie nicht in der Landwirtschaft gebraucht wurden, zur Verfügung. Aber obwohl "mit den hier im Lande vorhandenen Kräften schon seit Mitte Februar mit den ordentlichen Arbeiten, als besonders Bestickungsarbeiten, angefan-gen wurde", erschien es unmöglich, "die für die extraordinären Arbeiten normirte Summe von 3f 12ß?? Cour. zu erfüllen". Trotzdem hat Detlef Andresen es fertiggebracht, 200 Ruten = etwa 1 km Steindeich zu bauen! - Als gut 10 Jahre nach Detlefs Tod die Preußen die Regierung in Schleswig-Holstein übernommen hatten, durfte von dem, was früher geleistet worden war, nicht gesprochen werden. Im Juli 1867 wird bei der Deichbesichtigung von der Kommission die Behauptung aufgestellt, die Besserung der Pell-wormer Deichverhältnisse sei darauf zurückzuführen, daß seit 1854 "nach einem festen, auf genauer Kenntnis der Örtlichkeiten und auf richtigen technischen Grundsätzen ruhenden Plänen" gearbeitet wurde. - Die Verdienste des Kommissars Muhl sind unbestritten, aber die ersten Zehnjahrespläne stammten von Kapitän Petersen, der die Pläne in Zusammenarbeit mit dem besten Kenner der Pellwor-mer Deichverhältnisse, mit dem Deichgrafen Martin Andresen, aufgestellt hatte, und Muhl berichtet in seiner ersten Amtszeit, daß er nach diesen Plänen arbeite. Als Muhl in sein Amt als Nachfolger Detlef Andresens berufen wurde, stellte man ihm für die ersten Jahre den früheren Deichgrafen Martin Andresen als "constituirenden Deichcommissär" zur Seite, damit dieser ihn in die Pellwormer Ver-hältnisse einführe und die Kontinuität der Pläne erhalten bleibe! Muhl selbst schreibt nach einjähriger Amtszeit, daß die von seinen beiden Vorgängern erstellte Steindecke "wegen ihrer bereits zur Genüge erprobten ausgezeichneten Haltbarkeit zum Musterdienen" könne. Die damals Maßgebenden wußten also die Leistungen der Pellwor-mer Verantwortlichen wohl zu schätzen! Detlef Andresen wird im Nachruf aber auch als außerordentlich tüchtiger Landwirt bezeich-net, der Seegaard zu einer vorher nicht gekannten Blüte brachte. Auch als solcher wird er später nicht mehr genannt. Seine Witwe heiratete den Ratmann Andreas Petersen (heute = Peterssen). Offen-bar zog die große Familie nach Seegaard, denn das Söhnchen dieser Ehe wurde dort geboren, starb aber dreijährig, kurz nach der Mutter, die am 20. Febr. 1860 heimgegangen war und Detlefs Kinder als Vollwaisen zurückließ. Der als Erbe für Seegaard vorgesehene Fried-rich Hermann war da erst 14 Jahre alt. 1861 starb Detiefs älteste Tochter und sein jüngster Sohn; Seegard wird verkauft. Die Söhne wandern nach USA aus; nur die Jüngste, Doris, bleibt in Deutsch-land und wird Direktrice in Hamburg. .
D. v. Chamisso



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