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Date: 29.07.10 Time: 18:37:48 User online: 5 Heute: 182 Gestern: 229 Gesamt: 8234 |
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INSEL-ZEITUNG
Studio Pellworm
2251 PELLWORM
04844/687
Redaktionelle Mitarbeiter: Josie Bey
Alfred Dethlefsen
Jons Drawert
Erwin Fiera
Wilhelm Gohde
Philipp Goedeking
Sönje Hansen
Angelika Leners
Rolf Lohmeyer,
Johann E. Lucht
Thies Martensen jr.
Hauke Martensen
Friedrich Petersen,
Dr. Markus Petersen
Hellfried Schulze
Gerda Smorra
Henry Smorra
Bernd Thornsen
Johann Wilsterman
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Die wüsten Warften
auf Pellworm
von Rosemarie Krämer, Wangerland
Die Siedlungsgeschichte Pellworms ist in erster Linie
eine Geschichte ihrer Warften. Im Gegensatz zu denen in festländischen
Marschgebieten, behielten die Warften auf Pellworm ihre außerordentliche
Bedeutung bis ins 19. Jahrhundert bei. Ursache hier für war der Zustand
der durch Sturmfluten immer wieder zerstörten Deiche, der sich bis
zu diesem Zeitpunkt trotz strengster Bemühungen der Inselbewohner
immer wie-der als mangelhaft erwies. So entstanden vermutlich noch im
18. und 19. Jahrhundert Warften auf Pellworm, wenn gleich diese sehr niedrig
waren und an Größe nicht mit den ursprüng-lichen Warften
zu vergleichen sind. Mit 32 % ist der Anteil der wüsten, d. h. der
nicht mehr bewohn-ten Warften an der Gesamtzahl auffallend hoch. Wo sind
die Ursachen dafür zu suchen, daß so viele Warften verlassen
wur-den? Zu welchem Zeitpunkt wurden sie verlassen? Es war mein Ziel,
diesen Fragen nachzugehen, indem ich - gleichzeitig als Beitrag für
das 1975 bis 1977 auf Pellworm laufende Projekt Norderhever (Warftgrabungen)
- archivarisches Quellenma-terial mit siedlungsgeographischem Aussagewert
sichtete und bestehende Kartenunterlagen auf Warften- und Gebäude-eintragungen
hin untersuchte. Von Bedeutung waren nicht zuletzt auch mündliche
Informationen durch Pellwormer Bewohner. Der Schwerpunkt der Untersuchungen
wurde, u. a. wegen unzureichend vorhandenem Quellenmaterial, auf den Zeitraum
der letzten 200 Jahre gelegt. Es ist verständlich, daß für
Pellworm als bedeichte Marschinsel der Zustand der Deiche von dem letztlich
auch die Sicherheit der Bewohner abhing immer bedeutsamer gewesen ist
als das Schicksal einzelner Wohnplätze. Dies spiegelt sich etwa in
den zahlreichen Berich-ten der Pellwormer über Deiche und Sturmflutschäden
an sel-bigen wider. An Schadensberichten über Häuser und Warften
mangelt es dagegen. Auskünfte über Besitzverhältnisse und
Warften bebauungen geben - neben verschiedenen Karten -das Pellwormer
Landbuch von 1741/70, Pellwormer Erdbü-cher (insbesondere ab 1801,
im Zusammenhang mit der eben-falls 1801 erschienenen Golowin-Karte), Schuld-
und Pfand-protokolle, Teilungsprotokolle, das Brandregister von 1765 u.a.rn
45 wüste Warften, von denen die meisten im Gelände noch zu erkennen
sind, wurden von mir in einer Warftenkartei erfaßt; sie enthält
alleermittelten Daten, Informationen und wichtigen Abbildungen. Die Mehrzahl
(23) liegt in dem am niedrigsten gelegenen Großen Koog. In den nördlichen
Kögen befinden sich keine wüsten Warften, was sicherlich durch
deren relativ späte Wiederbedeichung nach der Großen Flut von
1634 mitbedingt ist, Die Größe und Höhe variiertvon WarftzuWarft.
Die größte wüste Warft ist die Kömwarft (Durchmesser
von etwa 100 m); die Durchschnittsgröße der wüsten Warften
liegt bei 70 bis 80 m Durchmesser. Was den Zeitpunkt des Verlassens der
Warften betrifft, so konnten folgende Ergebnisse ermittelt werden: a)
Für 23 Warften konnte an Hand der Akten noch keine Be-siedlung nachgwiesen
werden (z. B. die Kömwarft); sie wurden höchstwarscheinlich
vor 1770, ein Großteil bereits vor 1741, verlassen. Gesondert erwähnt
sei die zur Neuen Kirche gehörige Prie-sterwarft. Mehrere Pellwormer
vertreten die Ansicht, daß sich auf ihr der Vorgänger der heutigen
Neuen Kirche befand. Einige Aktennotizen bekräftigen diese Ansicht.
Nach ihnen hat sich auf der Priesterwarft vermutlich die "Kleine
Kirche" befunden, die 1622 wegen Baufälligkeit aufgegeben wurde.
b) 5 1770 noch besiedelte Warften (z. B.die Kösterwarft bei der Alten
Kirche und die Haubergswarft im Südwesten des Großen Kooges).
c) 4 1801 noch besiedelte Warften (z. B. die Thiessen-Warft und die"Neuhof"-Warft
in Waldhusen). d) 4 1852 noch besiedelte Warften (z. B. die Bank Matthiesen
Warft und die Samuelsen'sche Warft am Waldhusentief, an welchen 1975 und
1976Grabungen durchgeführt wurden). 5 1875 noch besiedelteWarften
(z. B. dieCornils-Warft, die Gerichtswarft unddie im Besitzvon Joh. Meyerbefindliche
Warft in Waldhusen). - f) 3 1960 noch besiedelte Warften (z. B. die Düwelswarft).
e) Für nahezu die Hälfte der 45 untersuchten wüsten Warften
kann also ein Verlassen nach 1770 angenommen werden. Die wüsten Pellv
von Rosemarie Ki Es sei darauf hingewiesen, di beit, der diese Kurzfassur
Gemeindeamt Pellworm einz steheichgernezurVerfügung dankbar. "Düwelswarft"
Betrachtet man die Ergebnisse hinsichtlich der Lagevertei-lung, erfolgten
die meisten Siedlungsnachweise 1. im Bereich um die Alte Kirche und 2.
im Bereich Neue Kirche -Seegaarden. , Die Fragen nach Zeitpunkt und Ursachen
für das Verlassen von Warften müssen im größeren
Zusammenhang der Geschichte Pellworms betrachtet werden, wobei naturgebundene
Fakto-ren (Sturmfluten, Lage der Warften in ausgedeichten Gebieten etc.)
wie sozio-ökonomische Faktoren (wirtschaftliche Situa-tion der Insel,
soziale Stellung der Warftbewohner etc) glei-chermaßen zu berücksichtigen
sind. ' Konkrete Hinweise auf die Ursachen einer Warftaufgabe lie-gen
nur in wenigen Fällen vor. Zweifelsohne werden die zahl-reichen Sturmfluten
vielfach zum Verlassen von Warften ge-führt haben. So wird vermutet,
daß bei einem Großteil der wüsten Warften, für die
keine Besiedlung nachgewiesen wer-den konnte und die bereits vor 1770
verlassen wurden, die Ursache in Sturmfiuten zu sehen ist (insbesondere
in den Fluten von 1362, 1634, 1717/52). Auch für das Verlassen der
Warften nach 1770 sind Sturmfluten mitverantwortlich gewe-sen. Zu denken
ist hier in erster Linie an die Sturmflutreihe 1792-1794 (z. B. Aufgabe
der "Hilligenwarft" bei der Alten Kirche) und an die Flut des
Jahres 1825 (vermutlich Auslöser fur das Verlassen der Thiessen-Warft
u.a.m.) In engem Zusammenhang mit den Auswirkungen von Sturm- fluten ist
die sozio-ökonomische Lage der Inselbewohner zu sehen. Der Grundsatz
des Spadelandrechtes, der jeden Land- besitzer betraf, blieb bis zum 19.
Jarhrhundert erhalten: werden Forderungen bei der Instandsetzung der Deiche
nicht nach- kommen konnte, verlor seinen Besitz mußte Konkurs melden.
Lagen im 18.Jahrhundert-,e bereits zahlreiche Konkurs- meldungen vor,
so erreichten sie jedoch zahlenmäßig ihren Höhepunkt im
19. Jahrhundert, bedingt durch die Sturmfluten von 1792-1794 und 1825.
1830 befanden sich fast 1/3 der gesamten Grundstücke der Insel in
königlichem Besitz. Viele Bauern mußten ihre Höfe verlassen.
Manche siedelten sich auf dem Festland an, andere wanderten sogar nach
Übersee aus. Als Folge davon war gerade im 18. und 19. Jahrhundert
ein Bevölkerungsrückgang auf der Insel zu verzeichnen. Andere
vom Konkurs betroffene Bewohner blieben zwar auf der Insel, verließen
aber ihre bisherigen Wohnplätze, insbesondere wenn die finanziellen
Mittel für erforderliche Reparaturen an bereits baufälligen
Gebäuden nicht vorhanden waren. Sie wurden meist Deich- oder Landarbeiter.
Als Beispiel mag wiederum die Thiessen-Warft gelten, deren letzter Bewohner
Konkurs melden mußte. was höchstwahrscheinlich Ursache für
die Warftaufgabe war. Erst das nach 1830 durch Kapitän Petersen eingeführte
"Prinzip der geschlossenen Stellen" bewirkte letztlich eine
Besserung der wirtschaftichen Verhält- nisse. Als weiteres Kriterium
für das Verlassen von Warften war bis in heutige Zeiten die Lageungunst
bedeutsam, welche durch Fehlen von Zuwegungen und befestigten Straßen
die Erreich-barkeit von Warften insbesondere zu Herbst- undWinterzeiten
erschwerte. Noch beschwerlicher wurde es, wenn die Warft zusätzlich
in einem Vernässungsgebiet lag (z. B. die Düwels-warft). Trat
zur Lageungunst noch Baufälligkeit des Hauses auf, so ist verständlich,
daß es für einige Warftbewohner ren-tabler war, ihren Wohnplatz
an einen Hauptweg oder Mittel-deich zu verlegen. Versucht man, einen zeitlich-
ursächlichen Zusammenhang der Warftaufgabe herzustellen, so. lassen
sich 2 Wüstungsperioden erkennen " Der Übergangszeitraum
der beiden Perioden liegt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die 1. Periode
ist gekennzeichnet, durch die Auswirkungen der zahlreichen Sturmfluten
(bei zusätzlich durchweg unzulänglichen Deich-verhältnissen)
sowie die relativ hohe Sterblichkeit des 15.- 18. Jahrhunderts (bedingt
durch Pest und Seuchen). In der 2. Periode ist die wirtschaftliche Kraft
der Insel stark geschwächt. Die daraus resultierende hohe Konkursziffer
spiegelt die finan-zielle Notlage der Inselbewohner wider. In der 1. Hälfte
des 19. Jahrhunderts dürft6 die materielle Unfähigkeit, eine
Warft wieder in einen sicheren bewohnbaren Zustand zu bringen, für
eine Warftaufgabe ausschlaggebend gewesen sein. Dagegen sah sich der Warftbewohner
in der 2. Hälfte des 19. Jahrhun-derts - infolge des generellen wirtschaftlichen
Aufschwungs der Insel - in der Lage, seine Warft (angesichts eventueller
Lageungunst und Gebäudebauf älligkeit) zugunsten einer Ver-besserung
der Wirtschafts- und Wohnbedingungen aufzuge-ben. Man traute dem Seedeich
zu, daß er künftig alle Sturm-fluten abwehren könne.
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