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Pellworm, den 29.07.2010 - 18:32 Uhr

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Plattdeutsche Literatur heute

Dieter Andresen: geb. 1935 in Sterup/Angeln. 1955 Abitur in Flensburg. Theologiestudium in Kiel, Hamburg, Basel, Heidelberg, Göttingen. Vikar in Rendsburg. 3 Jahre Dozent am Seminar für kirchliche Mitarbeiter, Breklum. 2 Jahre Pastor in Harrislee bei Flensburg. Mitglied der Gruppe "Flensburger Theologen", 6Jahre Studentenpastor an der Universität Kiel Seit 1974 Pastor in Rabenkirchen/Angeln.

Fast 10 Millionen Menschen in Norddeutschland sprechen neben der hochdeutschen Normsprache immer noch Plattdeutsch. Es ist für sie Alltagssprache, aber nicht Schriftsprache. Schreiben und Lesen ist eine hochdeutsche Angelegenheit. Alles Gedruckte ist hochdeutsch: Bekanntmachungen, Reklame, Zeitungen und Bücher. Hochdeutsch ist alles, was "von oben" kommt, was vorgesetzt, eingeredet, angeordnet wird. Hochdeutsch reden Leute, die verwalten, belehren, bevormunden, informieren, manipulieren wollen. (Wie ich jetzt z.B. mit diesem Aufsatz!) Hochdeutsch ist die Sprache der Behörden, der Schule, der Kirche, der "Kultur" im weitesten Sinn.

Weil das so ist, hat Plattdeutsch immer noch einen Beigeschmack von Minderwertigkeit, auch im Bewusstsein der Plattdeutschen! Daran kann keine "Plattdeutsch?Welle" etwas ändern. Gerade die aktiven Plattdeutsch?Sprecher haben oft ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer eigenen Alltagssprache. Einerseits lieben sie, weil sie darin zu Hause sind. Andererseits weigern sie sich z.B., mit ihren Kindern plattdeutsch zu Sprechen. Die Gründe sind bekannt. Natürlich muss man Hochdeutsch kennen und beherrschen, wenn man im Leben vorankommen will. Aber daraus folgt doch nicht, dass es gut sei, das Plattdeutsche zu vergessen! Im Gegenteil: die Spannung zwischen Hochsprache und Alltagssprache will ausgelebt sein! Sie macht das Leben reicher. Sie gibt einem mehr Ausdrucksmittel, um soziale und kulturelle Erfahrungen zu verarbeiten. Diesen Reichtum setzen wir fahrlässig aufs Spiel. Etwas mehr Selbstbewusstsein wäre den Plattdeutschen zu wünschen. Das heißt auch: ein bewussteres Sprechen und Hören, ? nicht zuletzt die Bereitschaft, gelegentlich auch plattdeutsch zu lesen.

Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand: es gibt keine verbindliche Rechtschreibung im Plattdeutschen. Jeder Autor schreibt, wie ihm sein Dialektschnabel gewachsen ist. Plattdeutsch lesen ist ungewohnt. Es wird in der Schule nicht geübt. So ist den meisten Plattdeutschen fast unbekannt, dass sie eine Literatur haben, die sich in ihren Spitzenwerken durchaus neben der hochdeutschen sehen lassen kann. Die sich bis heute weiterentwickelt hat und sich den Problemen der Gegenwart stellt. Man kann plattdeutsche Romane, Kurzgeschichten, Gedichte im Buchladen kaufen oder beim Verlag bestellen. Dieses Schrifttum ist kaum bekannt. Man kennt es höchstens vom Vorlesen. Aber die Schwelle vom Hören zum Selberlesen wird nur selten überschritten. So seltsam es klingt: Plattdeutsche Leute lesen keine plattdeutschen Bücher.

Eine Hausfrau, die gern liest, besucht schon mal einen Volkshochschulkurs über Böll oder Siegfried Lenz. Sie wird aber nie zu Fehrs "Maren" greifen oder zur "Baasdörper Krönk" ? zwei der besten Romane der plattdeutschen Literatur. (Von den Modernen ganz zu schweigen!) Dabei entgeht ihr sehr viel: Humor, der mehr ist als Spaß. Erfahrungen, die über den Alltagskram hinausgehen. Verständnis der eigenen Herkunft. Tiefenschärfe ? im Betrachten der Gegenwart. All das gibt es auch auf Plattdeutsch.

Ein paar Namen plattdeutscher Autoren der Gegenwart sollen hier kurz genannt werden. Dabei übergehe ich die großen Älteren unseres Jahrhunderts, die zum Teil noch leben. (Moritz Jahn, Herrnann Claudius, Wilhelmine Siefkes, Heinril Schmidt?Barrien u.a.) Sie alle haben Maßstäbe für plattdeutsches Dichten gesetzt. Ich beschränke mich auf Autoren, die sich auf neue Art mit der Gegenwart, auseinandersetzen, inhaltlich und formal. Z.B. Hinrich Kruse, (1916 geboren, jetzt Lehrer in Braak bei Neumünster) ein Meister der Kurzgeschichte in der Nachfolge Hemingways. Sein Thema ist die unselige Zeit vor 1945 und ihre Nachwirkungen in der Gegenwart. ("He kümmt vun de dusend Johr nich af, un wenn man ein ok dusend Mark dorför gifft!) Mit Ernst und unbestechlicher Wahrheitsliebe geht er diesen Erfahrungen nach. Sein Plattdeutsch ist karg, nüchtern, unheimlich dicht, auf das Wesentliche konzentriert. 2 Bände Erzählungen ("Weg un Omweg", "Güstern is noch nich vörbi") und 2 Gedichtsammlungen ("Mitlopen", "Dat Gleis") sind im Verlag der Fehrs?Gilde, Hamburg?Wellingsbüttel, erschienen. Eine ganz andere Erscheinung: Christian Holsten (genannt Krüschan Holschen) 1922 geboren, lebt in Bremen. Ein urwüchsiger Typ, voll unbändiger Erzähllaune. Er schreibt schichten mit hintergründig?groteskem Humor. Sein ~~, deutsch treibt sagenhafte Blüten. Er erfindet immer neue phantastische Wörter, die es nirgends gibt, und die doch ein Plattdeutscher auf Anhieb versteht! (Einige Titel: "Holschen", "De gesunne Karkenslaap", "Hochtietsgrusen". Alle beim Verlag Schuster, Leer in Ostfriesland)

Wieder anders Wolfgang Sieg, ein Lehrer in Elmshorn, 1936 geboren. Er schreibt in Plattdeutsch und Missingsch "kaputte Geschichten ausse heile Welt', (so der Untertitel seines letzten Bandes) aus dem Milieu der Penner und Ganoven, der Ausgeflippten, Versager, Zu Kurz Kommer. Seine Geschichten spielen auf der Straße, in Kleinwohnungen, in Kneipen und Männerheimen. Man muß lachen und ist zugleich geschockt durch grelle Beleuchtung der Wirklichkeit. ("Wahnungen" im Verlag Schuster, Leer, "Blutfleck auffe Häkeldecke" im Quickborn?Verlag, Hamburg) Als Lyriker haben Hinrich Kruse, Dieter Sellmann, Norbert Johannimloh, Siegfried Kessemeier, Oswald Andrae und Peter Kuhweide neue Wege beschritten. Überlieferte Formen, wie sie seit Klaus Groth geläufig sind, (Liedhaftes Stimmungsge? Hinrich Kruse (geb.'l 916) Marktplatz Bann Plattdeutsche Gedichte Oswald Andrea (geb. 1926) dicht, Strophen) werden von diesen Dichtern bewußt verlassen. Ihre Gedichte spiegeln eine ungereimte Welt, also reimen sie sich auch nicht mehr so oft. Die Sprache wird frei zu neuen gewagten Verbindungen. Wir werden in unserer Oberflächenansicht der Wirklichkeit gestört und zu einem neuen Sehen gebracht. Nur ein Teil der heutigen plattdeutschen Literaturszene ist damit erwähnt. Allen diesen Autoren ist eins gemeinsam: Plattdeutsch ist für sie nicht mehr Ausdruck einer "heilen WelC, nicht mehr wehmütiger Rückblick, auch nicht DööntieHumor und Alltagsgemütlichkeit. Sie wollen sich mit unserer Welt, wie sie ist, auseinandersetzen. Aber sie wollen dabei ihr Plattdeutsch nicht verstecken, sondern es erproben am Material der Wirklichkeit. Nur so bleibt es am Leben.

Dieter Andresen



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